Esoterik an deutschen Hochschulen Lasst die Nymphen tanzen!

Die Parawissenschaften treiben bunte (Lotos-)Blüten, wo man es am wenigsten erwartet: Selbst an Hochschulen, eigentlich Horte der Vernunft, dürfen Esoteriker ein absurdes Weltbild vermitteln und entsprechende Diplomarbeiten vergeben. Jüngstes Beispiel ist die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf.

Von Markus C. Schulte von Drach

"Bei der geomantischen Begehung und Analyse im Projektteam erkannten wir die Präsenz von Nymphen auf dem Grundstück. Daher empfiehlt es sich, das Neubaugebiet in Bauabschnitten zu erschließen, um ausreichende Rückzugsmöglichkeiten für die Naturwesen zu ermöglichen."

Wer vermutet, diese Sätze würden aus einer modernisierten Fassung eines Grimm'schen Märchens stammen, täuscht sich. Sie sind Teil des Vorentwurfs zu einem Bebauungsplan der schwäbischen Gemeinde Mertingen bei Donauwörth.

"Durch die systemische Aufstellungsarbeit nahmen wir Kontakt zu den vorherrschenden Energien auf und erkannten die Notwendigkeit, für die Nymphen einen entsprechenden Raum zu schaffen", schreibt der Verfasser Norbert Mannes weiter. "Dieser sollte Platz zum Tanzen bieten und verspielt sein." Wie der Diplomingenieur weiter erklärt, sei daraufhin die Idee entstanden, "dem Neubaugebiet die Form einer Lotus- bzw. Seerosenblüte (bot. Nymphea) zu geben".

Doch nicht nur Hinweise auf Nymphen konnte Mannes wahrnehmen. Durch "Fernpeilung" identifizierte er einen strahlenden "Engelfokus" im Mertinger Gemeindewald spürbar "als helle, lichte und heilige Energie ". Engel sind ihm zufolge die Genien ganz besonderer Plätze. Aber auch den passenden Gegenpol konnte der Experte bestimmen: den Fokus der Unterwelt.

Seine Erkenntnisse hat Mannes vor allem mit Hilfe einer Wünschelrute gewonnen, er wendet also die sogenannte Radiästhesie an. Wobei, wie er in seiner Arbeit schreibt, auch das Pendel ein weiteres Hilfsmittel sein kann.

Von solcher Expertise beeindruckt stimmte der Gemeinderat dem geomantisch orientierten Vorentwurf für "Mertingen Süd" im Mai 2011 zu. Seit einigen Tagen kann der Bebauungsplan nun im Internet betrachtet werden.

Energetische und geistige Qualitäten von Orten

Bürgermeister Albert Lohner bestätigte sueddeutsche.de, dass der Gemeinderat und er voll hinter dem Plan stünden, der auf der Grundlage der Empfehlung von Mannes beruht. Begeistert weist Lohner auf das Organische hin, das in der lotosblütenähnlichen Konzeption stecke. Das Thema Geomantie selbst, jene Wissenschaft, derzufolge sich die energetischen, seelischen und geistigen Qualitäten eines Ortes mit Hilfe von Gefühlen und Geräten wie der Wünschelrute erfassen lassen sollen, will Lohner dagegen nicht diskutieren.

Die Mertinger sind nicht die Einzigen, die Neubaugebiete auf Grundlage geomantischer Untersuchungen oder nach Feng Shui planen ließen. Allein Mannes kennt sieben weitere entsprechende Projekte, wie er in seiner Diplomarbeit berichtet. Das ist, neben dem esoterischen Charakter, das Zweite, was an dem Bebauungsplan ungewöhnlich ist. Er beruht auf der Diplomarbeit "Geomantische Stadtraumerweiterung", die Mannes an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf angefertigt hat. (Nachdem dieser Artikel veröffentlicht wurde, hat Mannes seine Arbeit offenbar aus dem Netz genommen. Deshalb führte ein entsprechender Link hier ins Leere und wurde entfernt.)

Tatsächlich ist es gar nicht so ungewöhnlich, dass an deutschen Universitäten Studienabschlüsse auf der Grundlage der esoterischen Weltbilder gemacht werden, die hinter der Geomantie und Feng Shui stecken. Allein an der Hochschule in Weihenstephan bei Freising wurden mindestens fünf entsprechende Diplomarbeiten verfasst, weitere Abschlussarbeiten über Geomantie hat der überzeugte Wünschelrutengänger Professor Eike Georg Hensch an der FH Hannover betreut.

Und glaubt man Stefan Brönnle, einem Geomantie- und Feng-Shui-Experten, so wurden seine Spezialgebiete in den vergangenen Jahren an mindestens neun deutschen Fachhochschulen, Technischen Universitäten und an der LMU München in Form von Vorträgen oder Vorlesungen an die Studenten herangetragen. "Eine Fülle von Diplomarbeiten" sei darauf gefolgt, so Brönnle.

Überprüfen lassen sich seine Angaben nur schwer. Er selbst hat sein Diplom zum Thema "Spiritualität und Landschaft" an der TU München/Weihenstephan gemacht, schreibt Bücher und Artikel zum Thema, verpricht, Menschen das Hellsehen beizubringen und betreibt ein Büro für geomantische Planung.