Erneuerbare Energien Flaute am Windrad

Viele Windkraftanlagen in Süddeutschland sind unrentabel, weil schlicht zu wenig Wind weht. Sind nur die Vorhersagen mangelhaft, oder hat sich die Wetterlage in Mitteleuropa dauerhaft verändert?

Von Andreas Frey

Am Auerhahn lag es nicht. Auch Fledermäuse standen dem Windpark im Südschwarzwald ausnahmsweise nicht im Weg. Es ist der Wind, der nicht weht, wie er soll. Es herrscht Flaute zwischen Belchen und dem Zeller Blauen. Deshalb wird das Projekt im 50 Kilometer südlich von Freiburg gelegenen Wiesental wohl gestoppt. Zwölf Windanlagen sollten dort entstehen, schließlich weist der Windatlas des Landes Baden-Württemberg für die Gegend ideale Bedingungen aus.

Josef Pesch vom Projektentwickler Juwi überbrachte die schlechte Nachricht während einer Ratssitzung Ende September. Statt der im Windatlas prognostizierten 6,5 Meter pro Sekunde blies der Wind in 100 Meter Höhe nur 4,9 Meter pro Sekunde. "Das klingt nach wenig, sind aber Welten", sagt er. Damit sei der Windpark nicht rentabel. Denn die Erträge nehmen nicht linear mit der Windgeschwindigkeit zu oder ab, sondern mit der dritten Potenz. So kann schon ein minimal schwächerer Wind das Aus für einen Windpark bedeuten.

Wer wissen will, wo der Wind weht, konsultiert den Windatlas. Er wird von den Ländern erstellt und liefert Informationen über geeignete Standorte für Windkraftanlagen. Der Atlas ist Grundlage für die Entscheidung, ob und wo Windräder errichtet werden sollen. Aber was bringt das, wenn er womöglich nichts taugt? Anscheinend weichen die Werte nämlich nicht nur im Wiesental von den prognostizierten ab, sondern in ganz Süddeutschland.

Der Windatlas sei an vielen Stellen falsch, vermutet Pesch. Offenbar gibt es ein systematisches Problem. Viele Gemeinden sind frustriert, manche haben bereits große Summen für Windkraftprojekte ausgegeben. Und dort, wo die Räder bereits rotieren, werfen sie weniger ab als gedacht. Was ist da los? Warum herrscht Flaute, wo eigentlich ein strammer Wind blasen soll?

Beim Bundesverband Windenergie in Berlin ist man nicht überrascht. "Der Windatlas suggeriert, dass es viele gute Standorte gibt - aber tatsächlich existieren sie häufig nicht", sagt Präsidentin Sylvia Pilarsky-Grosch. Das habe viele Erwartungen geschürt. "Es ist lächerlich zu sagen, an einem Standort gäbe es beispielsweise einen Wert von 5,75", sagt sie. Zwei Dezimalstellen hinter dem Komma würden wissenschaftlich klingen, in Wirklichkeit könne es aber 100 Meter nebenan schon ganz anders aussehen. "Der Windatlas ist ein Anhaltspunkt - mehr nicht. Auf dessen Erkenntnisgewinn hätte man auch selber kommen können: Auf dem Berg weht halt der Wind und im Tal nicht."

Im Schwarzwald musste eine Anlage abgebaut werden

Eine Analyse des Anlegerbeirats des Bundesverbands ergab, dass die erzielten Erlöse mit Windstrom deutschlandweit im Zeitraum von 2002 bis 2011 nur 86 Prozent der erwarteten Umsätze erreichten. Die größten Einbußen gab es im Süden. Offensichtlich hat man die Kraft des Windes jahrelang überschätzt. Im Schwarzwald musste eine Anlage wieder abgebaut werden.

Beim Umweltministerium in Stuttgart, dem Herausgeber des Windatlasses Baden-Württemberg, hat man zwar registriert, dass viele unzufrieden damit sind. Messgutachten seien aber noch nicht eingetroffen, versichert Sprecher Hans-Peter Lutz. "Nur auf Zuruf kann ich mit der Kritik nichts anfangen", sagt er. Insofern seien die Vorwürfe unbelegte Behauptungen. Generell, so Lutz, könne es sein, dass Messgutachten von den Werten im Windatlas abwichen, weil das durchschnittliche Windaufkommen an einem Standort von Jahr zu Jahr um 30 Prozent schwanken könne. Wenn Werte falsch seien, könne man das selbstverständlich "in den fachlichen Diskussionsprozess einbringen", sagt er.

Unzufriedene Stimmen kommen nicht nur aus dem Wiesental, im Schwarzwald herrscht an vielen Standorten Flaute. In Waldkirch im mittleren Schwarzwald weht der Wind deutlich schwächer als gedacht. Deshalb ruhen die Projekte, etwa 50 Windräder sollten sich eigentlich bald drehen. Zwölf Prozent weniger Ertrag als ursprünglich angenommen hätten zwei unabhängige Windgutachten der Gegend vorausgesagt, sagt der Geschäftsführer der Stadtwerke, Dieter Nagel. Auch im Rathaus ist die Ernüchterung groß: 300.000 Euro hat der Gemeindeverwaltungsverband Waldkirch bisher allein für die Planung ausgegeben. Für nichts?