Erderwärmung Ein Klima für Stürme

Die vom Super-Taifun Haiyan zerstörte Stadt Tacloban

Die Zunahme von Stürmen wie "Haiyan" passt in das Bild unserer zukünftigen Welt mit einem veränderten Klima. Zugleich verschärfen Armut, wirtschaftliche Entwicklung und Bevölkerungswachstum das Ausmaß von Tod, Leid und Schaden.

Von Christopher Schrader

Der westliche Pazifik ist eine Rennbahn. Über dem warmen Wasser des Ozeans tanken Wirbelstürme Energie und nehmen Schwung auf. In dieser Weltgegend heißen sie Taifun nach dem chinesischen Begriff für "großer Wind". Oft treffen sie die Inseln der Philippinen, die sich von Nord nach Süd wie eine Mauer über eine Formel-1-Strecke ziehen. Ein Taifun wie jüngst Haiyan knallt dann mit ungebremster Wucht auf die Küste des armen Landes.

Entfesselte Luftmassen zerfetzen die Hütten und Häuser, das aufgepeitschte Meer drängt in die Straßen, Regenfluten erdrücken, was der Wind stehen lässt. Die Provinzhauptstadt Tacloban ist so zum Symbol der Zerstörung geworden. Dort und im Rest der Provinz Leyte lässt sich die Zahl der Toten, die ertrunken oder von Trümmern erschlagen wurden, zurzeit nur auf mindestens 10.000 schätzen.

Die meteorologische Weltorganisation hat inzwischen bestätigt, dass Haiyan einer der stärksten je beobachteten Taifune überhaupt und jedenfalls der stärkste dieses Jahres war.

Die Menschenrechtsorganisation Germanwatch setzte am Dienstag die Philippinen in ihrem Klimarisikoindex auf den zweiten Platz der gefährdeten Länder, hinter Haiti. Das asiatische Inselreich hatte schon 2012 beim Taifun Bopha zum zweiten Mal in Folge die meisten Toten durch ein Wetterextrem zu beklagen; ein Spitzenplatz im kommenden Jahr ist der Nation aufgrund von Haiyan sicher.

Weil in Warschau zurzeit die Staaten der Welt über ein globales Klimaabkommen verhandeln, liegt die Frage nahe: Ist die globale Erwärmung Ursache von Haiyan und damit von Tod und Leid?

Die Antwort ist nicht einfach. Fasst man es in der Sprache eines Gerichtsverfahrens: Der Angeklagte kann nicht verurteilt werden, aber es gibt tragfähige Belege für Beihilfe und verschärfende Umstände. Von keinem einzigen extremen Wetterereignis lässt sich mit Sicherheit behaupten, dass es ohne den Klimawandel nicht eingetreten wäre.

Aber die Zunahme von Stürmen wie Haiyan passt in das Bild einer zukünftigen Welt, in der höhere Mengen von Treibhausgas das Klima verändert haben werden. Zugleich verschärfen Armut, wirtschaftliche Entwicklung und Bevölkerungswachstum das Ausmaß von Leid und Schaden.

Der Weltklimarat IPCC hält sich in der Frage sehr bedeckt. Für Taifune lasse sich noch kein Trend erkennen, erklären die Wissenschaftler in ihrem jüngsten Bericht von Ende September. Es sei allenfalls "wahrscheinlicher als nicht", dass starke Wirbelstürme zum Ende des Jahrhunderts im westlichen Pazifik zunehmen.

In dieser Analyse fehlte jedoch eine Studie von Kerry Emanuel, einem Sturmforscher des Massachusetts Institute of Technology. Sie ist nach Redaktionsschluss, aber vor Erscheinen des jüngsten IPCC-Berichts veröffentlicht worden. Demnach nimmt die Zahl der tropischen Wirbelstürme zum Ende des Jahrhunderts von heute ungefähr 80 auf etwa 100 pro Jahr zu. Ihre Energie steigt im Durchschnitt um ein Sechstel. Die Philippinen sind mit Nordwest-Australien die Region, die am meisten abbekommt: Vor beider Küsten ballen sich rote Bereiche in Emanuels Grafiken.

Solche Berechnungen sind schwierig. Tropische Wirbelstürme ziehen ihre Energie aus der Temperaturdifferenz zwischen Wasser und oberer Troposphäre, die mit dem Klimawandel zunimmt. Es verstärken sich dann aber auch die Scherwinde, die einen Wirbelsturm in der Entstehung zerrupfen können. Und mit der wirtschaftlichen Entwicklung in Asien, speziell in China, nimmt die Zahl der Schmutzpartikel in der Luft zu, die ebenfalls die Bildung von Taifunen behindern. Wie diese Faktoren zusammenwirken, ist Gegenstand von Debatten.

Hinzu kommt ein möglicher, 30-jähriger natürlicher Zyklus für Taifune. Er kommt derzeit langsam aus einer Phase geringer Aktivität und begünstigt in den kommenden Jahren häufigere Stürme, erwartet Peter Höppe, Chef-Georisikoforscher des Versicherungskonzerns Munich Re.

Wie tödlich ein Taifun wird, hängt aber nicht nur von seiner physikalischen Stärke ab, sondern auch von der Verletzbarkeit des Landstrichs, den er trifft. Die Universität der Vereinten Nationen hat im September den Weltrisikobericht vorgelegt, in dem die Philippinen auf Platz 3 stehen. Im Gegensatz zu anderen Ländern, die Taifunen ausgesetzt sind, wie Japan (15.) oder Südkorea (112.), leben Küstenbewohner der Philippinen oft in Häusern, die ungenügenden Bauvorschriften entsprechen. Ihre Wasserversorgung ist schlecht und ihr Staat auf Notfälle wenig vorbereitet.

Betrachtet man lediglich die materiellen Schäden, sind Taifune in Japan am schlimmsten, wie eine Top-Ten-Liste der Munich Re belegt. Geht es um Todesopfer liegen die Dinge anders: Von zehn Taifunen der vergangenen Jahre, deren Namen wegen der vielen Toten nicht mehr verwendet werden, haben neun in den Philippinen gewütet.