Erdbeben und Tsunamis Wie gefährdet Japans Atomkraftwerke sind

Bei den japanischen AKW ist der Schutz vor Erdbeben und Tsunamis trotz des Super-GAUs 2011 nicht verbessert worden. Die Regierung wiegt sich aufgrund ihrer Risikokarten in Sicherheit. Doch unabhängige Experten warnen: Das Material ist wertlos.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Die See von Japan ist ein Meer der Atomkraftwerke. 35 der 50 noch intakten Reaktoren Japans stehen an der Westküste des Landes, die man in Tokio abfällig die "Rückseite Japans" nennt. Vor zwei Wochen ist hier, auf der nördlichen Hauptinsel Hokkaido, der Reaktor Tomari-3 zur Routinewartung abgeschaltet worden - der letzte Meiler, der noch am Netz war.

Öffentlicher Druck hat bisher verhindert, dass die Kernkraftwerke Japans nach ihren Routine-Wartungsarbeiten wieder ans Netz gehen dürfen; zu tief sitzt der Schock nach der dreifachen Kernschmelze in der Anlage Fukushima I, die das inzwischen "Tohoku" genannte Beben ausgelöst hat. An der See von Japan liegen aber auch die Atomkraftwerke, die Premier Yoshihiko Noda möglichst schnell wieder anfahren möchte, insbesondere Oi-3 und -4 nördlich von Osaka. Hinzu kommen 15 Reaktoren an der Ostküste von Südkorea, die normalerweise Strom nach Japan liefern.

Die Erdbebensicherheit und der Schutz vor Tsunamis dieser insgesamt 50 Atommeiler ist eher fraglich und seit der Katastrophe vom März 2011 nicht verbessert worden. Die japanische Regierung verweist dazu auf offizielle Risikokarten, die von einer staatlichen Kommission erarbeitet werden. In der Präfektur Fukui, wo die Anlage Oi steht, sind sie hellgelb eingefärbt.

Das bedeutet, ihr Erdbeben-Risiko sei vergleichsweise gering: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich binnen 30 Jahren ein Beben von mindestens Stärke 6 auf der siebenstelligen japanischen Shindo-Skala ereignet, beträgt weniger als drei Prozent. (Anders als die im Westen übliche Skala, der die freigesetzte Energie zugrundeliegt, orientiert sich die Shindo-Skala an den örtlichen Beschleunigungen des Erdbodens.)

Im Gegensatz dazu weisen die Karten für die Region westlich von Tokio ein Risiko von "26 Prozent oder mehr" aus. Das ist die höchste Stufe der Vorhersage; für die Hauptstadt selbst sprechen die Staats-Seismologen sogar von 70 Prozent.

Dass sich Japans Regierung bezüglich ihrer Meiler an der Westküste in relativer Sicherheit wiegt, liegt vor allem an diesen Erdbeben-Voraussagen. Sie leiten aus historischen Daten ab, wiehäufig Erdbeben in den einzelnen Regionen Japans zu erwarten seien und rechnen diese für die Zukunft hoch. Der Seismologe Robert Geller von der Universität Tokio nennt diese Risikoanalyse "Sciencefiction". Das Kartenwerk sei "nicht nur wertlos, sondern gefährlich". So reicht die Statistik der Risikokarten nicht weiter zurück als ins 19. Jahrhundert.

Doch im Jahr 1026 gab es beispielsweise das "Iwami-Beben" vor der Stadt Matsue in der japanischen See, das einen gewaltigen Tsunami auslöste. Die historischen Chroniken datieren die Katastrophe auf den 23. Tag des fünften Monats im dritten Jahr der Manju-Zeit, nach westlicher Zeitrechnung der 16. Juni 1026. Die Tsunami-Fluten schwappten tief ins Land hinein, rissen ganze Dörfer nieder und ihre Bewohner mit. Das internationale Tsunami-Institut in Nowosibirsk schätzt ihre Höhe auf zehn Meter.