Eine frühere EU-Kontrolleurin arbeitet nun für einen Gentechnik-Konzern. Das nährt Zweifel an der Unabhängigkeit der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit.
Eigentlich sieht so ein perfekter Jobwechsel aus. Der alte Arbeitsvertrag läuft aus, die nächste Anstellung beginnt sechs Wochen später. So war es bei Suzy Renckens - doch für den schnellen Wechsel ihres Arbeitsplatzes muss sich die Biotechnologin nun rechtfertigen.
Umweltschützer misstrauen dem Genmais. Studien erbrachten unterschiedliche Ergebnisse - aber die Efsa sieht keine Gefahr. (© Foto: ddp)
Anzeige
Bis Ende März 2008 leitete Renckens die Gentechnik-Abteilung der Efsa, jener Behörde, die in der EU für die Überwachung der Lebensmittelsicherheit zuständig ist. Unter anderem war Renckens dort für die Beurteilung gentechnisch veränderter Pflanzen zuständig.
Seit Mitte Mai 2008 beschäftigt sie sich mit dem gleichen Thema - nun allerdings unter einem anderen Blickwinkel. Seit eineinhalb Jahren leitet die Belgierin im Konzern Syngenta die Abteilung "Biotech Regulatory Affairs" für die Regionen Europa, Afrika und den Nahen Osten.
Das Schweizer Unternehmen Syngenta ist eines der weltweit größten im Geschäft mit gentechnisch verändertem Saatgut. "Ich werde nun eine von denen sein, die nachfragen, wie es mit bestimmten Akten vorangeht", mailt Renckens vier Tage nach Aufnahme ihrer neuen Arbeit an die ehemaligen Kollegen.
Dass eine Efsa-Mitarbeiterin innerhalb von sechs Wochen die Seiten wechselt, macht Gentechnik-Gegner misstrauisch. "Bei dieser Nähe zur Industrie stellt sich die Frage, wie unabhängig die Efsa in ihren Entscheidungen bei der Zulassung gentechnisch veränderter Organismen agiert", sagt Christoph Then.
Neutralität in Gefahr?
Er ist Geschäftsführer des Vereins Testbiotech, der sich als "Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie" bezeichnet. Durch die Nachfragen von Testbiotech war der Fall Renckens vor drei Monaten öffentlich geworden, vor wenigen Tagen äußerte sich die Efsa nun erstmals zu den Vorwürfen.
"Von unserer Seite gab es keine Bedenken", schreibt der Verwaltungsdirektor der Behörde, Olivier Ramsayer. Then findet diese Haltung unverantwortlich. "Der Leitung der Efsa scheint ein ausreichendes Problembewusstsein zu fehlen", sagt er.
Laut EU-Regelungen müssen leitende Mitarbeiter eine Genehmigung einholen, wenn sie eine neue Arbeitsstelle antreten, die Auflage gilt für zwei Jahre. Renckens habe jedoch beim Verlassen der Efsa nichts von einer neuen Arbeitsstelle gesagt, entnimmt Verwaltungschef Ramsayer den Akten.
In den eineinhalb Jahren, die zwischen dem Jobwechsel und den Nachfragen von Testbiotech lagen, trat Renckens mehrmals öffentlich als Syngenta-Repräsentantin vor Efsa-Mitgliedern auf. Die Behörde sei also über ihre neue Arbeit informiert worden, lässt Renckens über eine Sprecherin mitteilen.
Efsa-Sprecher Steve Pagani sieht die Neutralität der Lebensmittelbehörde durch den Fall Renckens nicht in Gefahr. "Innerhalb der Efsa gibt es Mechanismen, die die Unabhängigkeit unserer wissenschaftlichen Arbeit sichern", sagt er. Dazu gehörten jährliche Angaben zu möglichen Interessenkonflikten, die genau geprüft würden.
Dennoch steht die Efsa schon länger im Verdacht, in einigen Fällen im Sinne der Industrie zu entscheiden. Beispiele dafür sehen Kritiker im Urteil der Efsa, der gentechnisch veränderte Mais Mon810 und zwei weitere Sorten seien gesundheitlich unbedenklich. Zuvor waren Studien zu widersprüchlichen Ergebnissen gekommen.
- Thema
- Grüne Gentechnik RSS
- Grüne Gentechnik Super-Reis und Turbo-Mais 26.08.2009
- Grüne Gentechnik Genmais lockt natürliche Schädlingsvernichter an 04.08.2009
- Grüne Gentechnik Knatsch um die Knolle 24.04.2009
- Gen-Kartoffel Protest gegen Amflora-Anbau 12.04.2010
- Neue Technologien Wissen statt glauben 06.03.2010
- Grüne Gentechnik Angst vor der Genknolle 03.03.2010
- Genkartoffel EU erlaubt Anbau der umstrittenen Knolle 02.03.2010
(SZ vom 21.01.2010/gal)
Neue Nutzungsbedingungen
newscientist.com/article/mg20026814.600-gm-cotton-in-the-clear-over-farmer-suicides.html
Übrigens hatten die Inder, die ich in den letzten Jahren so als Doktoranden gesehen habe, keinen allzu schlechten Bildungsstand. Auch die Bauernsöhne nicht ...
@chlange001:
Sie wissen doch wie das läuft.
Dem einzelnen Landwirt (wir können davon ausgehen, das der Bildunggrad eines indischen Landwirtes nicht der beste ist) wird das blaue vom Himmel versprochen und er unterschreibt den Knebelvertrag. Einmal unterschrieben kommt er da nicht mehr raus: Gensaat muß gekauft werden, Spritzmittel muß gekauft werden. Ertrag sinkt aber nach 2 Jahren.
Was dabei herauskommt kann nachgelesen (Zwangslandverkauf und Suizid) werden und öffentliche Beschuldigungen wurde meines Wissens bis dato noch von keiner dieser Firmen dementiert bzw. geklagt. Gerade bei Firmen die berüchtigt sind, sofort die juristische Keule zu schwingen, nur damit nichts an die Öffentlichkeit dringt, fällt dieses "Schweigen" um so mehr auf.
Sie können sich aber auch am südamerikanischen Kontinent umsehen. Da passiert dasselbe mit Sojasaaten und in Nordamerkika ist es der Mais.
Bereits jetzt wurden Verordnungen erlassen, das Saaten aus konventioneller Landwirtschaft nicht mehr 100% aus Biolandwirtschaft kommen müssen, sondern das 3 (oder schon 5?) Prozent Gensaaten enthalten sein können, da heute schon keine Trennung mehr funktioniert.
Wir in Europa benötigen keine Gensaaten, weil sowieso Überschüsse produziert werden!!
Es gibt einfach keinen vernünftigen, logisch belastbaren Grund, anzunehmen, dass von gentechnisch veränderte Organismen per se besondere Gefahren ausgehen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass einzelne Sorten nicht ökonomisch und ökologisch sinnlos und die Geschäftspraktiken einzelner Unternehmen nicht übel sein können.
Aber ein besonders, von durch Züchtung erzeugten Sorten getrenntes Sortenzulassungsverfahren - womöglich noch mit Anforderungen, die denen an die Neuzulassung von Medikamenten ähneln - ist einerseits unbegründet und andereseits kontraproduktiv, weil kleinen Startups - mit guten Ideen - keine Chance gegen Großkonzerne - mit finanzieller Macht - übrig lässt.
Eine Sorte, deren wirtschaftliche Bilanz so verheerend ausfällt, wie das für die Bt-produzierenden Varianten in Indien behauptet wird, wird sehr schnell wieder vom Markt verschwinden.
Oder wollen Sie behaupten, dass indische Bauern unfähig seien, nach ökonomischen Kriterien zu handeln?
Wundert mich gar nicht. Ein Interview, welches Renckens gab, als sie noch bei der Efsa angestellt war, hatte mich schon vor einiger Zeit sehr verärgert. Von Unabhängigkeit der GentechIndustrie gegenüber war da überhaupt nichts zu merken. Gentech mag per se nicht schlecht sein, ABER: die Efsa hat die Verpflichtung zur Unabhängigkeit. Sie kann und darf kein verlängerter Arm der Industrie sein. Es sind unser aller Steuergelder, die dafür verwendet werden, eine komplett neue Technik hinreichend zu untersuchen und ALLE Risiken auszuschließen. Dem kommt die Efsa nicht nach.
Paging