Eisschmelze und Klimawandel Im Teufelskreis der Erwärmung

Die Rekordschmelze in der Arktis ist ein deutliches Alarmsignal, vor dem wir die Augen nicht verschließen dürfen. Die Folgen werden auch in den mittleren Breiten zu spüren sein. Auch wenn "Klimaskeptiker" wieder alles abstreiten werden.

Ein Gastbeitrag von Stefan Rahmstorf

Das arktische Meereis hat in den vergangenen Tagen einen neuen Negativ-Rekord erreicht. Bereits jetzt ist mit 70.000 Quadratkilometern mehr Eis geschmolzen als 2007 - dem vorherigen Rekordjahr.

Diese Grafik des National Snow and Ice Data Center zeigt die Entwicklung der arktischen Meereisfläche zwischen Mai und September im Jahr 2012 (blaue Linie), im bisherigen Rekordjahr 2007 (grün gestrichelt) und im langjährigen Mittel 1979 bis 2010 (grau).

(Foto: National Snow and Ice Data Center/dapd)

Das darf auch bei uns in den mittleren Breiten niemanden kalt lassen. Denn, wie es die US-Kollegin Jennifer Francis von der Ruttgers University in New Jersey formulierte: "Die Frage ist nicht, ob der Verlust des Meereises die globale Zirkulation beeinflusst, sondern: Wie könnte er nicht?"

Tatsächlich dürften die Ereignisse in der Arktis sich langfristig als wesentlich folgenreicher für uns alle erweisen, als die meisten der derzeit in den Medien sehr breit diskutierten Themen, einschließlich der Euro-Krise.

Der Verlust des Meereises verstärkt in einer Art Teufelskreis die Erwärmung, weil die Eisfläche normalerweise den größten Teil der einfallenden Sonnenstrahlen zurückspiegelt - nun wird die Sonnenwärme stattdessen vom dunklen Ozean aufgenommen. Die ganze Arktis erwärmt sich überproportional. Dadurch wird auch das Kontinentaleis angregriffen, dessen Abschmelzen direkt den Meeresspiegel erhöht. Auf Grönland liegt genug Eis, um den Meeresspiegel weltweit um sieben Meter anzuheben, daher hätte schon der Verlust von einem Bruchteil des Eises gravierende Folgen.

Auch die Wettermuster auf der Nordhalbkugel dürften sich verändern, wenn das Eis schwindet. Eine Studie amerikanischer Forscher hat kürzlich gezeigt, dass dadurch Extremereignisse wie Hitzewellen, Dürren und Überflutungen auch in Europa und Nordamerika häufiger auftreten könnten.

Frühere Studien hatten schon ergeben, dass paradoxerweise der Einstrom arktischer Kaltluft nach Europa, wie im letzten Februar, ebenfalls durch den Eisschwund begünstigt wird.

Vorlage für "Klimaskeptiker"

Verschiedene Forschungsinstitute vermelden den traurigen aktuellen Rekord jeweils mit einigen Tagen Abstand. Das liegt daran, dass sie unterschiedliche Satelliten-Sensoren verwenden, unterschiedliche Auswerte-Algorithmen, etwas verschiedene Definitionen der Eisausdehnung (z.B. alle Pixel mit weniger als 15 Prozent bzw. 30 Prozent Eisbedeckung werden als eisfrei gezählt) und auch unterschiedliche Mittelungsperioden.

Die meisten Institute legen Tageswerte zu Grunde, das National Snow and Ice Data Center (NSIDC) dagegen einen Mittelwert über fünf Tage. Das führt zu Datenkurven, die sich im Detail unterscheiden und einen etwas anderen Zeitpunkt angeben, an dem der Negativrekord von 2007 unterboten wird. Aber gerade diese Vielfalt in der Methodik der unabhängigen Forschergruppen ist natürlich das, was in der Wissenschaft zu robusten Erkenntnissen führt.

"Klimaskeptiker" haben die Unterschiede gleich wieder als Grund für Manipulationsvorwürfe gesehen - die einschlägigen Websites bedienen ein Nischenpublikum von Verschwörungstheoretikern. Schon 2008 gab es Manipulationsvorwürfe, die dann zurückgenommen werden mussten. Damals polemisierten die "Klimaskeptiker": "Die Arktis weigert sich zu schmelzen". Anlass war die Tatsache, dass der Rekord von 2007 nicht im nächsten Jahr wieder unterboten wurde.

Ähnliches wird wohl auch in den nächsten Jahren zu hören sein, denn aufgrund der dem Abwärtstrend überlagerten natürlichen, wetterbedingten Schwankungen ist nicht in jedem Jahr ein neuer Rekord zu erwarten. Auf jedes Jahr mit einem Rekord (egal ob in der globalen Temperatur, der arktischen Eisbedeckung oder einer anderen Messgröße) folgen daher fast zwangsläufig mehrere Jahre, in denen Kritiker behaupten, das Eis erhole sich oder die globale Temperatur stagniere oder falle, etc.

Nicht nur das Meereis leidet übrigens unter Schwindsucht - auch das Kontinentaleis auf Grönland erlebt in diesem Jahr eine Rekordschmelze. Eine Analyse von Media Matters for America zeigt, dass dieser Umstand von den US-Medien praktisch ignoriert wird.

Die Arktis sendet uns jetzt deutliche Alarmsignale - wir können nur hoffen, dass die Menschen die Augen nicht länger davor verschließen.

Stefan Rahmstorf ist Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor an der Universität Potsdam. Er ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Außerdem gehört er zu den Autoren des 4. Klimaberichts des Weltklimarates (IPCC). Der Artikel ist ein überarbeiteter Blogbeitrag aus der KlimaLounge.