Durchbruch in der Stammzellenforschung Bauplan für den künstlichen Menschen

Ein geklonter Embryo, gewonnen aus einer Hautzelle, hergestellt in einem amerikanischen Labor. Die Wissenschaft feiert einen Fortschritt, der Ängste wie Hoffnungen weckt. Für Kritiker sind die Experimente Teufelswerk. Denn die Forscher haben der Welt das Rezept geliefert, auf dessen Basis eines Tages nicht nur Embryonen, sondern ganze Babys geklont werden könnten.

Von Christina Berndt

Darüber geredet hat in letzter Zeit kaum noch jemand. Und daran geglaubt auch nicht. Dennoch ist es nun passiert: In den USA haben Wissenschaftler erstmals menschliche Embryonen geklont und Stammzellen aus ihnen gewonnen. Hat man das nicht schon einmal gehört? Begeistert gefeiert und ebenso leidenschaftlich kritisiert wurde für ebendiese Arbeit tatsächlich schon einmal ein anderer, der Koreaner Hwang Woo-Suk. Seine Erfolgsmeldungen aus dem Jahr 2004 machten ihn in seiner Heimat zum Star, denn weltweit hofften Ärzte und Forscher, mit solchen Zellen maßgeschneiderte Therapien für schwerstkranke Patienten entwickeln zu können. Doch Hwangs Erfolge waren frei erfunden. Ihm war es nie gelungen, die begehrten Zellen herzustellen. Alles war gefälscht, wie sich Ende 2005 herausstellte.

Fast zehn Jahre später aber scheint der ebenso faszinierende wie umstrittene Kunstgriff einer etablierten Arbeitsgruppe aus Oregon tatsächlich gelungen zu sein. Ausführlich stellen die Wissenschaftler der Oregon Health and Science University und des Nationalen Primatenforschungszentrums ihre Ergebnisse am Mittwochabend in der Fachzeitschrift Cell vor. "Es ist nicht davon auszugehen, dass diese Arbeiten gefälscht sind", sagt der Stammzellenexperte Hans Schöler, Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster. Die Forscher haben die Embryonen aus Hautzellen eines Kindes geklont (siehe Grafik). Die entstandenen Embryonen sind damit genetische Doppel dieser Person.

Nach wenigen Tagen wurden die Embryonen allerdings zerstört und die in ihnen enthaltenen Zellen gewonnen. Diese embryonalen Stammzellen haben ein großes Wandlungspotenzial, das größer ist als etwa das der sogenannten adulten Stammzellen, die direkt aus dem Knochenmark Erwachsener gewonnen werden können. Die embryonalen Stammzellen können zu allen möglichen anderen Geweben des menschlichen Körpers werden - etwa zu Herz-, Leber- oder Nervenzellen, die bei vielen Krankheiten zugrunde gehen.

"Unsere Entdeckung eröffnet neue Wege, um Stammzellen für Patienten mit dysfunktionellem oder zerstörtem Gewebe und Organen herzustellen", freut sich Shoukhrat Mitalipov, der federführende Wissenschaftler. "Solche Stammzellen können Krankheiten lindern, die Millionen Menschen betreffen." Denn die Zellen würden vom Körper des Patienten, aus dessen Haut sie hergestellt werden, nicht abgestoßen. Es sind ja schließlich seine Klone. Beispielhaft nennt er Parkinson, Arthrose, Multiple Sklerose oder Herzinfarkt.

Für Kritiker sind die Experimente aus Oregon gleichwohl Teufelswerk. Schließlich haben die Forscher menschliche Embryonen und damit, wenn man so will, menschliches Leben erschaffen und danach wieder zerstört, um die Stammzellen zu gewinnen. Beides ist in Deutschland aus ethischen Gründen verboten. Was aber wohl noch schwerer wiegt: Sie haben der Welt das Rezept geliefert, auf dessen Basis eines Tages nicht nur Embryonen, sondern ganze Babys geklont werden könnten. Etwa weil sich ein selbstverliebter Mann einen Sohn wünscht, der ganz aus seinem Holz geschnitzt ist. Oder weil eine Frau ihre eigene Mutter noch einmal auferstehen lassen möchte. "Jetzt wissen wir, dass es wohl theoretisch gehen würde", sagt Hans Schöler. Die beiden Menschen wären Klone, die sich vermutlich ähneln wie zwei eineiige Zwillinge, die natürliche Klone sind. Völlig identisch wären sie aber nicht, da auch die Umwelt den Menschen in großem Maße prägt.