Digitales Morgen: Debatte zur Digitalisierung Wie die Digitalisierung die Wissenschaft verändert

Hochschul-Internetseite, in der Münchner Universitäten Online-Studien anbieten

Die Digitalisierung krempelt den Umgang mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen völlig um. Das reicht vom eLearning bis zu der Art und Weise, wie Neues entdeckt und veröffentlicht wird.

Von Leif Kramp

Die Digitalisierung verändert unser Leben - wie, zeigt die neue, zwölfteilige Artikelserie Digitales Morgen von Süddeutsche.de und VOCER. Diskutieren Sie auf der Google-Plus-Seite mit uns über die Thesen unserer Autoren.

Wie war Wissenschaft bloß ohne Digitalisierung vorstellbar? Nicht nur, dass eLearning und eLectures helfen, die unablässig steigenden Studierendenzahlen zu bewältigen und überfüllte Hörsäle zu vermeiden. Die Erkenntnisse von etlichen Forschergenerationen sind heute mit wenigen Klicks im Volltext durchsuchbar. Die Erstellung wissenschaftlicher Publikationen könnte dank digitaler Textverarbeitung und Online-Recherche komfortabler nicht sein.

Mithilfe digitaler Speicher- und Analyseinstrumente können komplexe Datenbestände geordnet und verstanden werden. Und letztlich haben es erst digitale Kommunikationstechnologien ermöglicht, den Anspruch global vernetzten Forschens umzusetzen. Die digitale Wende hat die Voraussetzungen wissenschaftlicher Produktion und Kommunikation von Grund auf umgekrempelt - mit gravierenden Folgen.

Das Wissenschaftsjahr 2014 wird das Thema "Digitale Gesellschaft" aufgreifen, eine Widmung zur rechten Zeit: Längst sind wesentliche Felder von Gesellschaft und Kultur mit einer tiefgreifenden Digitalisierung konfrontiert. Entsprechend beschäftigen sich bei weitem nicht nur die Technikwissenschaften mit dem digitalen Wandel.

Auch die Kommunikations- und Medienwissenschaft, die Wirtschaftswissenschaften, die Pädagogik und die Psychologie, die Politikwissenschaft, die Soziologie oder auch die Religionswissenschaft stehen unter dem nachhaltigen Eindruck, dass die Digitalisierung ihre Forschungsgegenstände, aber auch ihre eigenen Konventionen, mit denen Forschung betrieben wird, verändert.

Digitalisierung verstehen

Das digitale Paradigma generiert aber nicht etwa binäre, sondern denkbar vielgestaltige Perspektiven auf traditionsreiche und neue Forschungsfelder und stimuliert besonders mit Blick auf grundlegende Fragen wie der kommunikativen Konstruktion von Gesellschaft und Kultur im digitalen Wandel interdisziplinäre Forschungsanstrengungen. Die systematische Untersuchung der Digitalisierung, seiner Kräfte, Mechanismen und Folgen, klettert auf der Forschungsagenda unablässig nach oben.

20 Jahre nach dem Beginn des Siegeszugs des WWW liegt ein Großteil seiner Anfänge bereits im Dunkeln. Die Wissenschaft muss nun mühsam das rekonstruieren, was bis vor nicht allzu langer Zeit noch Alltag war - eine medienarchäologische Aufgabe. Doch das wissenschaftliche Selbstverständnis orientiert sich in manchen Disziplinen immer noch an der McLuhan'schen "Gutenberg-Galaxis": fixiert auf Schrift und Papier. Das Digitale wird hier noch als risikobehaftete Entmaterialisierung durch fehleranfällige Schaltkreise verstanden und mit Skepsis bedacht.

Nur langsam weicht der Zweifel und entwickelt sich eine neue Forschungskultur unter dem digitalen Imperativ, auch in den Geisteswissenschaften, deren fortschrittsgetriebenen Vertreter sich zur Abgrenzung jedoch gleich eine eigene Subdisziplin schufen: die "Digital Humanities", wo zum Beispiel mit innovativer Kartografietechnik nachvollzogen wird, wie sich Homer den berühmten wie umfangreichen Schiffskatalog für sein Mammutwerk "Ilias" durch eine mentale Reiseroute hat merken können. Der kulturelle Fundus wird digitalisiert in seiner Vielschichtigkeit quantitativ erschließbar und visualisierbar und liefert dadurch ungewohnte Impulse für die Forschung.

Digitale Öffnung

Die digitale Wende ist aber nicht allein eine empirische, sondern betrifft auch das Publikationswesen und damit die Anker des wissenschaftlichen Diskurses: Entscheidend ist hierbei weniger, dass das Gros der Fachbücher und Fachzeitschriften heute auch elektronisch verbreitet wird. Vielmehr verändert sich Wissenschaft als Funktions- und Organisationssystem mit der Aufgabe, Forschungserkenntnisse nicht nur im binnenwissenschaftlichen Diskurs zu kommunizieren, sondern auch frei (Stichwort: Open Access & Knowledge), allgemeinverständlich und auf neuen Wegen zu vermitteln.

Universitäre Forschung ist zunehmend auf Drittmittelförderung angewiesen, wodurch auch die Anforderungen an die öffentliche Visibilität von Forschung, ergo Wissenschaftskommunikation wachsen. Vor knapp 30 Jahren hat der Wissenschaftstheoretiker Helmut F. Spinner zur Frage der gesellschaftlichen Verantwortung des Forschers noch dem Journalisten die Aufgabe des Dolmetschers zugesprochen, wohingegen der Wissenschaftler in Fachkreisen kommuniziere.