Diebstahl-Vorwurf Die ehrliche Elster

Diebisch, neugierig oder gar ängstlich? Eine neue Studie entlastet die Elster

(Foto: Jean-Jacques Boujot / CC-by-SA)

Elstern klauen Schmuck und alles, was sie unter die Krallen kriegen: Dieses Bild hält sich hartnäckig. Britische Forscher haben den Test gemacht, wie diebisch Elstern wirklich sind. Ergebnis: Es ist Zeit für eine Entschuldigung.

Von Christoph Behrens

Der Ruf der Elster ist nicht der beste. Die Germanen hielten die Vögel für den Überbringer unheilvoller Botschaften, im Mittelalter schimpfte man sie "Hexenvögel" oder "Galgentiere". Der italienische Komponist Gioachino Rossini widmete der Elster gar eine Oper - in "La gazza ladra" landet das arme Dienstmädchen Ninetta im Kerker, weil es einen Silberlöffel gestohlen haben soll. Der wahre Täter: eine diebische Elster, zugleich der deutsche Name des Stücks.

Möglicherweise ist nun eine Entschuldigung fällig. Besonders der Vorwurf, Elstern hätten es auf glitzernde Kostbarkeiten wie Ringe oder Perlenketten abgesehen, hält sich hartnäckig - und ist wohl falsch, wie Wissenschaftler der britischen Universität Exeter im Fachmagazin Animal Cognition berichten.

Auf dem weitläufigen Campus der Universität fühlen sich viele Elstern (Pica pica) wohl - eine gute Umgebung für ein Experiment. Die Verhaltensforscher legten den Elstern dazu kleine Köder aus, etwa glänzende Metallschrauben, schimmernde Ringe oder kleine Rechtecke aus Aluminiumfolie. Um Pica pica auf die Beute aufmerksam zu machen, platzierten sie die Schätze neben kleinen Nusshäufchen. Einige der Köder malten die Wissenschaftler mattblau an, um herauszufinden, ob glänzende Objekte eine größere Anziehungskraft auf die Vögel ausüben. Aus der Ferne beobachteten die Forscher das Geschehen.

Lieber Abstand halten

Bei den Nüssen griffen die Elstern gerne zu; das komische Glitzerzeug interessierte sie dagegen kaum. Nur bei zwei von insgesamt 64 Tests schnappten Elstern nach etwas Glänzendem, schreiben die Forscher. Beide Male ein Ring, den sie nur kurz später wieder fallen ließen. Auch blaue Objekte waren nicht anziehender, im Gegenteil. "Alle Objekte erzeugten bei den Vögeln eine Art Neophobie - Furcht vor neuen Dingen", sagte der Studienleiter Toni Shephard. Die Elstern schienen sich vor den fremden Dingen eher zu ängstigen: Sie verhielten in der Nähe des Schmucks zurückhaltender und pickten weniger von dem angebotenen Futter. Auch mit Elstern aus einer Aufzuchtstation verlief das Experiment ähnlich. Diese in Gefangenschaft aufgewachsenen Vögel schnappten kein einziges Mal nach dem Schmuck.

"Elstern bewältigen anspruchsvolle geistige Leistungen", sagte die Co-Autorin der Studie Natalie Hempel. Die Vögel könnten sich selbst im Spiegel erkennen, versteckte Gegenstände finden oder sich genau erinnern, wo und wann sie Futter versteckt hätten. Das Experiment sei daher ein weiterer Beleg für ihre Schläue: "Statt sich zwanghaft von glänzenden Objekten bezirzen zu lassen", so Hempel, "halten sie bei neuen und unerwarteten Dingen lieber einen sicheren Abstand".

Bleibt die Frage, wie die Elster so in der Gunst des Menschen abrutschen konnte. Aus ein paar Anekdoten über neugierige Elstern hätte der Mensch wohl das Bild einer diebischen Spezies gestrickt, vermuten die Forscher. Nur in Asien wusste man es schon immer besser: In Fernost verehrt man die Elster als Glücksbotin.