Dialog verschiedener Wissenschaftsdisziplinen Besseres Klima mit dem Wetter

Jetzt sprechen sie miteinander: Wetter und Klima haben Wissenschaftler bisher streng getrennt. Jetzt fordern deutsche Klimaforscher eine nahtlose Vorhersage, die vom Regen bis zur Erwärmung im Jahr 2100 reicht.

Von Christopher Schrader

Wenn sich eine Sprachregelung ändert, kann man schon mal aufhorchen. Oft genug wandeln sich dann auch die beschriebenen Inhalte und Strukturen. In der Klimaforschung ist es offenbar gerade so weit: Sie gibt die seit Langem penibel beachtete Trennung der Forschungsfelder Wetter und Klima auf.

Wetter auf der einen Seite ist das Fachgebiet der Meteorologen, die mehr oder minder erfolgreich Vorhersagen für eine Woche oder maximal zwei machen. Klima auf der anderen Seite ist ein statistisches Maß: das sich inzwischen stark verändernde Muster von 30 oder mehr Jahren kontinuierlicher Beobachtung des Wetters. Wenn Klimaforscher in die Zukunft rechnen, nennen sie das Ergebnis "Projektion". Sie beschreiben nicht das Wetter für einen Tag im Jahr 2060, sondern die Trends der in dem Jahrzehnt zu erwartenden Temperaturen oder Regenfälle.

Die Forderung: Ein nahtloses Vorhersagesystem

Umso erstaunlicher ist, was das Deutsche Klimakonsortium am Mittwoch in Berlin verkündet hat. Es fordert ein "nahtloses Vorhersagesystem, das von der klassischen Wettervorhersage (. . .) bis hin zur Vorhersage des Klimas über Jahreszeiten, Jahrzehnte und schließlich Jahrhunderte reicht".

Etwas wissenschaftlicher klingt das im Konzeptpapier, mit dem die Wissenschaftler von 23 Instituten und Behörden ihre Agenda bis 2025 beschreiben. Hier ist von einer "Verlängerung der Wettervorhersage und Verbindung zur subsaisonalen Klimavorhersage" die Rede.

Beide Disziplinen nutzen die gleichen Werkzeuge und können viel voneinander lernen

"Wir möchten die Lücke zwischen der Wetterprognose über zwei Wochen und der Vorschau auf Jahreszeiten schließen", erläutert der neue Vorsitzende des Klimakonsortiums, Mojib Latif vom Geomar-Forschungszentrum in Kiel. "Gerade Vorgänge mit drei oder vier Wochen Länge sind wichtig für die Prognose von Extremwetterereignissen."

Damit folgt die deutsche Forschung dem internationalen Trend; auch die Meteorologische Weltorganisation betreibt ein solches Projekt. Bessere Computertechnik, die die Fortschritte seit den 1960er-Jahren ermöglicht hat, hilft nur noch begrenzt.

In einem El-Niño-Jahr ist die Erde etwas wärmer

Die Rechner werden mit Myriaden von Messungen gefüttert, aber das Netz von Stationen, Ballons und Bojen ist bei Weitem nicht dicht genug. Die chaotische Natur des Wetters bedeutet: Winzige Fehler am Anfang führen bei Prognosen von zehn Tagen zu radikalen Abweichungen.

Andererseits hat tatsächlich die Klimaforschung einiges zur Wetterprognose über längere Zeiträume beizutragen. Sie ergründet zum Beispiel das Wetterphänomen El Niño/La Niña im Pazifik. Es führt zu großräumigen, monatelangen Veränderungen von Luftdruck, Niederschlag und Temperatur. In einem El-Niño-Jahr ist die ganze Erde im Durchschnitt etwas wärmer.

Ein "Jammer", dass Wetter- und Klimaforscher zu wenig miteinander sprechen

Ein anderes Beispiel ist die Verbindung zwischen Wellen im Jetstream und Wetterextremen. Wenn der sonst stramm von West nach Ost wehende Höhenwind stark mäandert, kann er Druckgebiete unter sich festnageln. Bei einem Sommerhoch muss sich eine Region dann auf eine Hitzewelle einstellen, bei einem Frühjahrstief auf Dauerregen und Fluten.

Für Latif ist es daher ein "Jammer, dass Wetter- und Klimaforscher zu wenig miteinander gesprochen haben". Es gebe eine "unheilvolle Trennung", obwohl beide Disziplinen die gleichen Werkzeuge nutzten und viel voneinander lernen könnten. An die Prognose-Lücke bei drei bis vier Wochen hätten sich Meteorologen nicht herangetraut, Klimawissenschaftler hätten sie nicht als ihr Thema gesehen.

Latif besteht darauf, dass das Konzeptpapier seines Konsortiums die Begriffe Klima und Wetter nicht vermische; sie seien aber auch keine getrennten Dinge. Und er möchte die deutsche Klimaforschung zwar als unabhängige Disziplin definieren, "nicht als Anhängsel von irgendwas", rückt sie aber näher an die Meteorologie. An dieser Sprachregelung müssen die Forscher wohl noch einwenig feilen.