Generationen von Schülern haben gelernt, dass der Rhein 1320 Kilometer lang sei. Nun zeigt sich: Deutschlands wichtigster Fluss ist fast 100 Kilometer kürzer.
Wie lang ist der Rhein? Wer bis vor kurzem eine Antwort auf diese scheinbar simple Frage suchte, konnte ein Lexikon, Schulbuch oder offizielle Dokumente aufschlagen und bekam dort die Antwort: 1320 Kilometer. Mit dieser Länge operierten Behörden wie das Umweltbundesamt und internationale Gremien wie die Kommission für die Hydrologie des Rheingebiets. Der gleiche Wert steht auch in Schulbüchern und auf einer Tafel an der vermeintlichen Quelle des Rheins, dem Tumasee in Graubünden. Doch nun stellt sich heraus: Der Rhein ist wesentlich kürzer.
Umwölkter Blick auf die Fakten: Seit Jahrzehnten sind die Längenangaben zum Rhein voller Ungereimtheiten. (© Foto: istock)
Anzeige
Wie kurz genau, weiß zurzeit niemand. Die korrekte Länge liegt wohl eher bei 1230 Kilometer, was einen peinlichen Zahlendreher vermuten lässt. Aber je weiter man in die Details eindringt, desto verwirrender wird die Sache. Viele Instanzen, die als höchst zuverlässig gelten, sind offenbar jahrzehntelang recht salopp mit den Zahlen umgegangen. "Da tun sich immer mehr Verrücktheiten auf, je genauer man hinschaut", sagt Bruno Kremer von der Universität Köln, der den Fehler bei den Recherchen für ein Buch aufgedeckt hat. Er selber kommt auf 1233 Kilometer, plus oder minus wenige Kilometer.
Dass Kremer Recht hat, lässt sich leicht bestätigen, was nun Hektik in Behörden auslöst. "Auch in unseren Veröffentlichungen steht die Zahl 1320 Kilometer, allerdings setzen wir intern ein dickes Fragezeichen dahinter", sagt Alfred Hommes, Sprecher der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz. Man wolle im April bei einer Tagung der Kommission für die Hydrologie des Rheingebietes (KHR), zu der neun Staaten des Rheins und seiner Nebenflüsse gehören, "um eine Überprüfung der Rheinlänge und gegebenenfalls um eine offizielle Korrektur bitten".
Darauf wird wohl auch die niederländische Behörde Rijkswaterstaad drängen, wo der Sekretär der KHR arbeitet. "Wir haben nachgerechnet und kommen auf 1232 Kilometer", sagt Ankie Pannekoek, Sprecherin des Amts. "Wir haben uns bisher auf den Rhein zwischen Bodensee und Mündung konzentriert, darum ist der Fehler nicht aufgefallen."
Das Rhein-Museum in Koblenz hat die Flusslänge bereits korrigiert. "Wir gehen davon aus, dass der Rhein rund 1230 Kilometer lang ist", sagt Museumsleiter Rainer Doetsch. Er beruft sich darauf, dass die um zirka 90 Kilometer kürzere Strecke bereits in früheren Publikationen steht. Der Brockhaus-Verlag kündigt an, seine langjährigen Lexikon-Einträge zu revidieren. Auch Schulbuchverlage werden ihre Schriften korrigieren, sobald es eine neue amtliche Rheinlänge gibt. Aus den Geographie-Büchern der Verlage Klett, Cornelsen und Westermann-Schroedel lernen Schüler derzeit, dass der Rhein 1320 Kilometer lang sei. "Korrekturvorgänge sind für uns nicht ungewöhnlich", sagt Thomas Baumann vom Ernst-Klett-Verlag, der den Fehler offenbar gelassen nimmt: "Gerade im Geographiebereich verändert sich die Datenlage häufig: Höhen oder Längen werden korrigiert, neue Staaten gegründet oder schlicht neue Straßen und Eisenbahnlinien gebaut."
Die Berliner Erdkundelehrerin Claudia Ninow vom Verband deutscher Schulgeographen mahnt: "Die Schüler sehen solche Fehler in allen Schulbüchern", und beklagt, dass es Verlage mit Zahlen heute nicht mehr so genau zu nehmen schienen.
Verblüfft äußert sich auch der Geographie-Professor Rüdiger Glaser von der Universität Freiburg. Für ein Hochwasser-Projekt zum Oberrhein habe er die Angaben zur Flusslänge aus Nachschlagewerken entnommen. "So schreiben sich die Fehler dann immer weiter fort", klagt er.
Wie es überhaupt zu dem Fehler kam, ist nicht einfach nachzuvollziehen. Eine Folge der Rheinbegradigungen im 19. und 20. Jahrhundert kann es nicht sein, obwohl der Fluss damals zwischen Basel und Bingen 81 Kilometer und vor dem Bodensee zehn Kilometer kürzer geworden ist. Diese Längenveränderung scheint zwar genau den Fehler zu erklären, doch begannen die Verkürzungen bereits 1817 in der Nähe von Karlsruhe und waren am Oberrhein 1876 abgeschlossen. Erst danach wurden erstmals verlässliche Längenangaben erhoben.
Wahrscheinlicher ist ein einfacher Zahlendreher, der vor mehreren Jahrzehnten passiert sein muss und bei dem die mittleren beiden Ziffern der Längenangabe vertauscht wurden. Vor hundert Jahren nämlich enthielten große Konversationslexika wie der Brockhaus von 1903, der Herder von 1907 und der Meyer von 1909 noch die korrekte Angabe; auch eine Rheinkunde von 1922 hatte die richtige Zahl. Doch 1932 lag Knaurs Lexikon falsch und 1933 der Brockhaus - bis heute. Offenbar hat seither niemand die Zahl auf ihre Plausibilität geprüft. Und einzelne Fachbücher mit korrekten Längenmessungen fanden keine Beachtung.
(Anmerkung der Redaktion: Inzwischen haben uns etliche Leser darauf hingewiesen, dass auch Lexika aus den 1920er-Jahren die falsche Zahl haben.)
Je tiefer man bohrt, umso unerklärlicher werden viele offizielle Angaben. Mehr dazu auf der folgenden Seite.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
- Thema
- Geographie RSS
- Rhein kürzer als gedacht "Ein banaler Zahlendreher" 27.03.2010
- Waschzwang Auf der Suche nach dem Rheingold 11.06.2008
- Geographie Ein Traum von einer Insel 14.07.2009
- Spiel: Länder-Dart Zielgenau über die Weltkarte 29.04.2010
- Länger, höher, weiter Welcher Flughafen ist weiter entfernt? 29.07.2009
- Länger, höher, weiter Welche Stadt ist größer? 29.07.2009
- Länger, höher, weiter Hoch, höher, am höchsten! 29.07.2009
- W2-Professur für Geographie mit den Schwerpunkten Geoökologie und Kartographie – Kennziffer 0821–– Hochschule für angewandte Wissenschaften München, München
- Regionalverkaufsleiter/in– ALDI SÜD, Bundesweit
- Office Manager & Personal Assistant to CEO (m/w)– ABSC GmbH | member of DDW-Group, Aschheim-Dornach
Neue Nutzungsbedingungen
Bei der Schätzung, wann die Falschinformation eingesetzt hat, widersprechen sich dieser Artikel hier (ab den 1920ern) und das Interview mit Kremer ("Irgendwann um 1960").
Die Aussage, der Brockhaus habe von 1933 bis heute durchgehend falsch gelegen, ist jedenfalls so nicht richtig. Im "Großen Brockhaus" von 1956 (16. Auflage in zwölf Bänden) steht zu Beginn des Rhein-Eintrags auf S. 711 die richtige Angabe: "1236 km lang". Als einzelne Abschnitte sind dort angegeben: Vorderrhein/Hinterrhein (bis zu Mündung der Plessur, keine Längenangabe), Alpenrhein (164km), Bodensee/Untersee (ohne Längenangabe), Hochrhein (141km), Oberrhein (362km), Mittelrhein (124km), Niederrhein (369km).
Für den Verkauf des zitierten Buches aus dem Merkatorverlag ist dieser Artikel sicherlich von Bedeutung. Das sollte aber der Verlagsleiter Koopmann dann auch so zu erkennen geben.
Für die meisten Menschen ist die Länge des Rheins, ob nun 1230 oder fälschlicherweise 1320 Km, von seltener Bedeutung. Es rechtfertigt sicherlich nicht den Einsatz von 2 Redakteuren zur Recherche.
Relevant wäre die Länge höchstens für einen Menschen, der den Rhein in ganzer Länge zu Fuss oder per Rad hinter sich bringt. Aber wer dann 1200 Km gelaufen oder gefahren ist, der macht die 90 Km mehr dann einfach mit Links
Wir finden im Gegensatz zu den vorherigen Kommentaren nicht, dass die Meldung über den nun kürzeren Rhein unwichtig und unerheblich ist. Wie ja auch die Reaktionen von offiziellen Stellen und Verlagen zeigen ...
Leider kam in dem Artikel zu kurz, dass Dr. Kremer von der Uni Köln seinen Erkenntnis bei der Recherche für das neue Kremer-Buch "Der Rhein - Von den Alpen bis zur Nordsee" (240 Seiten, Mercator-Verlag) herausfand.
Damit wäre für den interessierten Laien auch gleich die Publikation genannt, wo man den Jahrhundertfehler und viele andere Kuriositäten der rheinischen Naturphänomene nachlesen kann. Das Buch ist am Donnerstag voriger Woche erschienen und somit der erste lieferbare Titel mit der neuen Rheinlänge.
Zitat aus dem letzten Absatz des Artikels: "All das kann jedoch nicht erklären, wie aus ungefähr 1230 Kilometern 1230 wurden."
Damit hat sich der Artikel selbst ad absurdum geführt. Denn so passiert es eben. Der nächste übernimmt das ungelesen und so weiter und so weiter.
Warum diese Aufregung um einen menschlichen Fehler irgendwann in der Vergangenheit. Zu der Zeit gab es eben nicht diese riesigen Möglichkeiten der Recherche.
Es ist zwar interessant über diese Sicht des Rheins zu lesen. Aber war dieser Aufwand und der anschliessende Artikel wirklich gerechtfertigt?
Gehört wohl in die Rubrik des Kreuzworträtselwissens, also ein Wissen; das die Welt nicht braucht.