Brasilien Weltmeister im Klimaschutz

Umweltforscher loben Brasilien für den Kampf gegen die Entwaldung und küren das Land zum Musterschüler im Klimaschutz. Doch der Erfolg könnte nicht von Dauer sein.

Von Christopher Schrader

Schon bevor in dieser Woche die Fußball-WM beginnt, ist der Austragungsstaat Brasilien zum Weltmeister erklärt worden - in der Disziplin Klimaschutz. Das Schwellenland, das sich auf internationalem Parkett zu keinen Reduktionen verpflichtet hatte, konnte seine Treibhausgas-Emissionen in den vergangenen Jahren um etwa ein Drittel senken, berichten zwei neue Studien. Mehr als 750 Millionen Tonnen Kohlendioxid hat die südamerikanische Nation jedes Jahr eingespart, das entspricht etwa zwei Prozent der globalen Emissionen.

Den Erfolg verdankt Brasilien vor allem einem Programm, die Abholzung im Amazonas-Urwald drastisch zu reduzieren, berichtet eine internationale Forschergruppe um David Nepstad vom Earth Innovation Institute in San Francisco (Science, Bd. 344, S. 1118, 2014). 2013 seien noch knapp 6000 Quadratkilometer Wald gerodet worden, 70 Prozent weniger als zwischen 1996 und 2005. Damals fielen im Mittel jedes Jahr Bäume auf 19 500 Quadratkilometern Säge oder Bulldozer zum Opfer.

Ob sich Bauern an die Regeln halten, zeigen inzwischen Bilder von Satelliten im Orbit

Auch die Union of Concerned Scientists (UCS) in Cambridge/Massachusetts stellt Brasilien als bestes Beispiel in einem Report über Erfolgsgeschichten im Kampf gegen die Entwaldung heraus. "Wenn die Wälder verschwinden, verliert die Welt wichtige Ressourcen, geraten Tierarten in Gefahr der Ausrottung und werden große Mengen CO2 freigesetzt", sagt Doug Boucher von UCS über den Bericht. Es gebe aber viele Methoden, das zu bekämpfen.

"Die Bilanz Brasiliens hat viele überrascht", sagt Stefan Singer von der Umweltorganisation WWF. "Vor einigen Jahren sind wir alle erschrocken über die Gesetze, die Amnestien für das Roden vorsahen und die Entwaldung zu befördern schienen. Aber bisher haben sie offenbar keine negativen Folgen gehabt." Allerdings sind Gesetze in Brasilien nur ein Teil der Erfolgsgeschichte, wie die beiden neuen Berichte zeigen. Die Regierung hat mehr Land zu Schutz- oder Stammesgebiet erklärt und die Erfassung von Landflächen verbessert. Außerdem hat sie Teile der Verantwortung auf die Ebene von Landkreisen verlegt: Wo besonders viel Wald verloren ging, konnte kein Bauer mehr Kredit bekommen.

Trends auf dem Weltmarkt, Druck von Umweltorganisationen und die Angst großer Lebensmittelkonzerne wie McDonalds und Nestle vor Imageschäden haben auch große Beiträge geleistet. Ab 2005 fielen die Preise auf dem Sojamarkt, und 2006 startete Greenpeace eine Kampagne, um auf die Gefahr für den Amazonas-Regenwald aufmerksam zu machen. In der Folge einigten sich Produzenten und Abnehmer schnell auf ein Moratorium: Die Kunden kauften nur noch Getreide von Flächen, die im Juni 2006 schon frei waren. Kontrollen per Satellit zeigten 2010, dass nur weniger als ein Prozent der Anbaufläche nach dem Stichtag entwaldet worden war.

Eine ähnliche Kampagne führte 2009 zur Selbstbeschränkung der brasilianischen Fleischindustrie; eine Tochterfirma der Weltbank musste damals einem großen Exporteur die Kredite kündigen, damit er einlenkte. In beiden Zweigen der Agrarwirtschaft haben die Produzenten inzwischen gelernt, das Land intensiver zu nutzen und mehr Ertrag aus weniger Fläche zu ziehen. Die Produktionszahlen sind also trotz Einschränkungen gewachsen.

Forscher fragen sich allerdings, ob der Erfolg von Dauer ist. Den Strafen und Verboten müssten nun positive Anreize folgen, fordern Nepstad und seine Kollegen: Bauern, die den Wald schützen, müssten mehr verdienen können. Sonst könnten die Erfolge Brasiliens bald verpuffen: "Keiner weiß, was passiert, wenn die Preise für Soja und Fleisch steigen", sagt WWF-Mann Singer.

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