Biologie "Sie brauchen einfach Süßwasser"

Xavier Bonnet und François Brischoux vom französischen Forschungszentrum CNRS in Villiers en Bois haben zudem beobachtet, dass sich die Schlangen in Trockenphasen an Land verstecken und überhaupt nicht mehr jagen. Wenn es regnet, kommen sie in Massen zum Vorschein, um aus Pfützen auf Felsen zu trinken. "Sie kommen nicht mit dem Salz zurecht, sie brauchen einfach Süßwasser", sagt John Murphy vom Field Museum in Chicago.

Die ungefähr 60 Arten echter Seeschlangen leben hingegen ständig im Ozean und bringen lebende Junge zur Welt. Es gab zwar Hinweise, dass sie dünne Schichten von Regen trinken, die auf dichterem Meerwasser schwimmen. Aber niemand wusste, ob sie es zum Überleben brauchen. Um die Frage zu klären, ist Harvey Lillywhite immer wieder nach Costa Rica gereist, in der Trocken- wie in der Regenzeit.

Die gelbbäuchigen Plättchen-Seeschlangen, fand er heraus, dehydrieren im reinen Seewasser, genau wie die Plattschwänze. Wenn sie durstig sind, trinken sie Süß-, aber niemals Salzwasser, berichtete Lillywhites Team im August in der Fachzeitschrift Integrative and Comparative Biology.

Die Trips nach Costa Rica lieferten sogar den Hinweis darauf, dass diese Art von Seeschlangen niemals in Flüssen oder deren Mündungen schwimmt, wenn die Trockenzeit kommt. Die Tiere verlassen sich offenbar darauf, dass ein kräftiger Regen Süßwasser bringt. Das klappt nicht immer, sagt Lillywhite: Sogar in der Regenzeit können Niederschläge ausbleiben.

Plättchen-Seeschlangen sind also die meiste Zeit ihres Lebens durstig, vermutet der Physiologe. Offenbar können sie es aber ganz gut aushalten: Sogar wenn sie 20 Prozent ihres Körpergewichts verlieren, sind die Reptilien wohlauf. Bei Menschen kann ein zwölfprozentiger Verlust durch Dehydration tödlich sein. Die Salzdrüsen, eine undurchdringliche Haut, Ventile in der Nase und die Fähigkeit, aus den eigenen Fäkalien und wahrscheinlich auch aus der Beute Wasser zu gewinnen, könnten den Prozess des Austrocknens verlangsamen, sagt Lillywhite.

Mit dem Franzosen Brischoux zusammen hat der Forscher aus Florida zudem die Verteilung der Seeschlangen nachgezeichnet. Sie scheint dem Salzgehalt des Meeres und damit auch dem Regenfall zu folgen. Die Salinität des Ozeans lässt sich inzwischen per Satellit vermessen. Vier Familien von Seeschlangen, aus denen etwa drei Viertel der Arten kommen, leben bevorzugt da, wo der Salzgehalt niedriger ist, schreiben die Forscher im Fachblatt Ecography. "Die Schlangen haben zwar die Ozeane als Lebensraum erobert", sagt John Murphy. "Aber sie sind immer noch auf Süßwasser angewiesen."

Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe von "Science" erschienen, dem internationalen Wissenschaftsmagazin, herausgegeben von der AAAS. Weitere Informationen: www.sciencemag.org, www.aaas.org. Dt. Bearbeitung: Christopher Schrader