Atomkraftwerke der Zukunft Das Träumen vom Schnellen Brüter

Internationale Nuklearexperten planen neue Reaktoren, die ihren Brennstoff selbst erzeugen - auch die Deutschen können sich dem nicht entziehen.

Von Marlene Weiss

Manchmal versteht Massimo Salvatores die Deutschen einfach nicht. "Die Stimmung hier macht mir wirklich Sorgen", sagt der fröhliche Italiener, Kernfoscher und wissenschaftlicher Berater der französischen Kernenergiebehörde CEA. "Sich die ganze Zeit Sorgen um den Blumentopf zu machen, der einem auf den Kopf fallen könnte, ist keine gute Art, mit den Risiken des Lebens umzugehen."

Der Blumentopf heißt in diesem Fall Fukushima: Seit die Katastrophe in Japan gezeigt hat, dass Kernreaktoren auch in hoch entwickelten Industrieländern außer Kontrolle geraten können, ist die Atomenergie in Deutschland nur noch einer Minderheit geheuer. Doch fast ganz Europa arbeitet unbeirrt weiter an einer nuklearen Zukunft, der sich auch Deutschland nicht ganz entziehen kann.

Atomkraftwerke stehen in Belgien, Frankreich, Tschechien und in der Schweiz nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Der europäische Strommarkt ist frei, Tag für Tag fließt Atomstrom aus dem Ausland nach Deutschland - etwas mehr, seit die ältesten deutschen Meiler stillstehen, vor allem aus Frankreich und Tschechien.

Über die Mitgliedschaft im europäischen Verbund Euratom ist Deutschland indirekt an weiteren Kerntechnikprojekten beteiligt. Konzerne und internationale Gremien planen längst den nuklearen Weg ins 22. Jahrhundert - mit einer Technik, die erhebliche Risiken birgt.

Die Atomkraftwerke der Zukunft, bezeichnet als Generation IV, werden seit Beginn des Jahrtausends von einem Zusammenschluss von zwölf Atomstaaten und Euratom namens "Generation IV International Forum" vorangetrieben. Das Lieblingsprojekt der Ingenieure ist derzeit der umstrittene Schnelle Brüter, der schon vor Jahrzehnten als Reaktor der Zukunft galt, aber eine wenig rühmliche Vergangenheit hat.

Statt wie herkömmliche Reaktoren nur Uran zu spalten, ist er so eingestellt, dass er aus nicht-spaltbarem Uran - das in der Natur mehr als 99 Prozent des Metalls ausmacht - Plutonium als neuen Brennstoff erbrütet. Und die übrigen Nebenprodukte der atomaren Kettenreaktion, die eine Endlagerung von Atommüll wegen ihrer langen Lebensdauer problematisch machen, könnten in Schnellen Reaktoren theoretisch entweder zerstört oder in kurzlebigere Elemente verwandelt werden.

Das klingt zu schön, um wahr zu sein - und ist es vielleicht auch. Fast alle Atomnationen haben sich an der Technologie versucht, die ersten bereits in den 1950er Jahren. Aber einen Brüter dauerhaft einigermaßen störungsfrei zu betreiben, ist bislang nur Russland gelungen. Frankreich, Großbritannien und die USA dagegen beendeten ihre Brüterprogramme, in Deutschland wurde der bei Kalkar am Niederrhein geplante Meiler nie fertiggebaut.