Astronomie Wissenschaftler zweifeln an "Planet 9"

Die mögliche Umlaufbahn von Planet 9 (orange) wurde mithilfe von Computermodellen bestimmt, gesichtet wurde der Himmelskörper aber noch nicht.

(Foto: Caltech/R. Hurt (IPAC))

Astronomen diskutieren, ob es jenseits des Neptun einen noch unbekannten Planeten gibt. Kein Teleskop hat den ominösen Himmelskörper bislang gesichtet - kann man dennoch von einer Entdeckung sprechen?

Von Patrick Illinger und Christoph Behrens

Die Vermutung amerikanischer Astronomen, wonach es in den Außenbezirken unseres Sonnensystems einen bislang unentdeckten Planeten gibt, stößt in der Fachwelt auf starke Resonanz. Es könne sein, dass man diesen Himmelskörper übersehen habe, "aber die Tatsache, dass er noch nicht mit Teleskopen gesehen wurde, macht mich ein wenig skeptisch", erklärte Ellen Stofan, die Chefwissenschaftlerin der Nasa im britischen Fernsehen. Auch Harald Krüger vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung ist "nur zu 50 Prozent überzeugt".

Die Astronomen Konstantin Batygin und Mike Brown vom California Institute of Technology (Caltech) hatten am Donnerstag im Astronomical Journal Berechnungen veröffentlicht, die zu dem Schluss kommen, dass es weit jenseits des Neptun einen weiteren Planeten mit etwa der zehnfachen Masse der Erde geben müsste. Das mysteriöse Himmelsobjekt kreist demnach auf einer elliptischen Bahn um die Sonne und braucht für einen Umlauf zwischen 10 000 und 20 000 Jahre. Die Existenz dieses mit Teleskopen noch nicht gesichteten Planeten könnte nach Ansicht von Brown und Batygin erklären, warum sich eine Handvoll kleinerer Himmelskörper in den Randbereichen des Sonnensystems, im so genannten Kuipergürtel, auf merkwürdig einseitig ausgerichteten Bahnen bewegt.

Umlaufbahn von Planet 9 (orange) und von mehreren kleinen Objekten am Rande des Kuipergürtels

(Foto: Caltech/R. Hurt (IPAC))

Diese erst in jüngerer Zeit entdeckten Himmelskörper, unter ihnen Plutos kleine Schwester Sedna, bewegen sich auf stark exzentrischen Bahnen, die seltsamerweise von der Sonne aus gesehen alle in eine ähnliche Richtung schwingen. Diese statistische Häufung ähnlicher Bahngeometrien könnte durch eine gegenläufige Masse erklärbar sein, stellten die Forscher mit Computersimulationen fest. "Planet Neun", wie ihn die Caltech-Astronomen nennen, wäre sozusagen das die Unwucht ausgleichende Moment. Sollte es diesen Himmelskörper geben, wäre er ohne Zweifel als Planet zu klassifizieren. "Es gab nur zwei echte Planetenentdeckungen seit der Antike, das wäre der dritte. Es wäre ein bedeutender Teil des Sonnensystems, der noch auf seine Entdeckung wartet", sagt Brown. Der Astronom ist kein Unbekannter. Er war bereits an den Entdeckungen von Zwergplaneten wie Eris und Sedna beteiligt, die dazu führten, dass die Fachgremien im Jahr 2006 Pluto ebenfalls zum Zwergplaneten degradierten. Mike Browns Twitter-Name lautet @plutokiller.

"Bislang ein völliges Niemandsland"

Doch die Fachwelt ist noch nicht überzeugt. "Die Kollegen haben ihre Berechnungen auf der Basis von sechs Himmelskörpern angestellt, deren Bahnen sich auffallend ähneln. Womöglich gibt es aber noch weitere unentdeckte Zwergplaneten, sodass diese Bahnübereinstimmungen nur Zufall sind und es keinen Planeten als himmelsmechanische Ursache braucht", warnt Max-Planck-Forscher Krüger. Die Bahn von Planet 9 würde weit hinter den Kuipergürtel reichen. Diese Grenzzone hinter Neptun, 30- bis 50-mal so weit von der Sonne entfernt wie die Erde, galt bislang als Limit des sichtbaren Planetensystems. Dahinter ist es so finster, dass Teleskope kaum noch etwas detektieren können.

Sternstunden

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"Es ist bislang ein völliges Niemandsland", sagt der Planetenforscher Ekkehard Kührt vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). "Jetzt zeichnet sich dort eine neue Struktur ab." Erst wenige Objekte haben Forscher in der Dunkelheit mit Teleskopen erspäht: vor zwölf Jahren den Zwergplaneten Sedna, 2014 das Objekt "2012 VP113". Seine Entdeckung brachte die Forscher des Caltech schließlich auf die Spur des möglichen neunten Planeten.

Wie ein so großer Himmelskörper überhaupt in eine derart weite Entfernung von der Sonne gelangen konnte, ist bislang unklar. "Sicher ist der Planet nicht an seiner jetzigen Umlaufbahn entstanden, sondern erst dorthin befördert worden", sagt Kührt. So vermuten Himmelsforscher, dass sich die frühen Planeten Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun innerhalb vieler Millionen Jahre nach ihrer Entstehung umsortiert haben. Laut dieser Theorie zogen die Himmelskörper mit ihren Anziehungskräften so lange aneinander, bis alle eine stabile Bahn erreichten. Planet 9 hätte in diesem Planetenbillard Pech gehabt - er wäre von den Kräften der Konkurrenten nach außen geschleudert worden.