Archäologie Die Barfuß-Forscher

In der Eiszeit vor 17.000 Jahren hinterließen Menschen zahlreiche Spuren in den Höhlen Südfrankreichs. Mithilfe von Fährtenlesern aus Namibia erkunden deutsche Prähistoriker deren Geheimnisse.

Von Marc von Lüpke

Nein, hier haben bestimmt keine drei Personen ihre Fußabdrücke hinterlassen. Nur ein einziger Mensch muss hier vor rund 17.000 Jahren entlang gegangen sein, und die Spuren lügen nicht, versichern C/wi /Kunta, C/wi G/aqo De!u und Tsamkxao Cigae.

Die sollten es wissen, denn sie gehören zum Volk der San in der Wüste Kalahari und gelten als erfahrene Fährtensucher. Im Pyrenäenpark für Prähistorische Kunst in der südfranzösischen Gemeinde Tarascon-sur-Ariège gaben sie Anfang Juli eine Probe ihrer Kunst. Sie hatten sofort erkannt, dass die Replik für das Freilichtmuseum schlampig hergestellt worden war: Die Ausstellungsmacher hatten lediglich den Abdruck der Füße eines einzigen Menschen verfertigt und damit Spuren dreier Personen nachgemacht. Laien und Wissenschaftler hatten das bislang nicht bemerkt, doch die San ließen sich nicht täuschen: Einstellungstest bestanden.

Die drei San aus Namibia sollten die Hauptpersonen sein in dem bislang einmaligen Forschungsprojekt, "Tracking in Caves", initiiert von dem Prähistoriker Andreas Pastoors vom Neandertalmuseum in Mettmann und dem Felsbildarchäologen Tilman Lenssen-Erz von der Forschungsstelle Afrika der Universität Köln. In dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Vorhaben sollten die San mit dem Blick der professionellen Spurenleser den Fährten unserer eiszeitlichen Vorfahren nachspüren.

Einsatzort waren vier Höhlen rund um Tarascon-sur-Ariège, die für ihre Malereien und Fußabdrücke bekannt sind - Pech Merle, Fontanet, Niaux, Tuc d'Audoubert. Hier schmückten die frühen Künstler die Wände mit detaillierten Abbildungen von Wisenten, Pferden und Steinböcken. Dabei hinterließen sie nicht nur ihre Zeichnungen, sondern bisweilen auch Fußspuren, deren Geheimnisse neuzeitlichen Forschern bis heute weitgehend verschlossen geblieben waren. Bestenfalls konnten aus Vermessungen der Spuren Schlüsse gezogen werden.

Der einzige eiszeitliche Abdruck eines Schuhs ist wohl keiner

"Die Fähigkeit, Spuren zu lesen, ist in westlichen Gesellschaften weitgehend verloren gegangen", sagt Andreas Pastoors. "Die San hingegen gehören zu den letzten gelernten Jägern und Sammlern des südlichen Afrika", sagt Tilman Lenssen-Erz. Beide Wissenschaftler widmen sich seit Jahrzehnten der Erforschung prähistorischer Höhlenkunst und Felsbildmalerei. Die Spuren nahe und in den Höhlen sagten ihnen bislang wenig. Mit der Hilfe der indigenen Experten aus dem Süden Afrikas wollten sie nun unbeantwortete Fragen klären: Wie viele Personen hielten sich in den Höhlen auf? Waren sie jung oder alt? Litten sie unter Krankheiten oder waren sie gesund?

Auf die drei San, die zu den besten Spurensuchern ihres Volkes zählten, fiel die Wahl der Forscher, nachdem sie diese in Namibia kennengelernt hatten. Alle drei verdienen mit ihren besonderen Fähigkeiten ihren Lebensunterhalt in der Wüste Kalahari. C/wi /Kunta arbeitet für einen professionellen Jäger und C/wi G/aqo De!u führt Jagdgesellschaften zum gewünschten Abschuss. Der dritte Fährtenleser, der Jagdführer Tsamkxao Cigae, spricht zusätzlich Englisch und konnte übersetzen. Alle Sonderzeichen in ihren Namen sind übrigens Schnalzlaute in der Klicksprache der San, die sonst in der Regel zusätzlich Afrikaans beherrschen.

Normalerweise spüren die Fährtenleser der San in ihrer Heimat Wildtieren unter freiem Himmel nach und jagen traditionell mit Pfeil und Bogen. Aber auch im Aufspüren von Menschen sind die San geübt. In der dünn besiedelten Kalahari finden sie ihre Angehörigen und Freunde, indem sie deren Spuren folgen. Die Fußabdrücke der gesuchten Person können sie dabei zutreffend von denen anderer Menschen unterscheiden.

In Frankreich waren die Bedingungen anders: Statt unter offenem Himmel kletterten die San nun in lichtlosen Höhlen über Sand und Lehm. Dennoch: "Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Fährtenlesen bei uns zu Hause und in den Höhlen", meint Tsamkxao Cigae. "Es ist nur dunkler und kälter." Aus diesem Grund verwandelten sich die normalerweise eher leicht bekleideten San in Höhlenforscher mit Schutzanzug und Stirnlampe, die das Wasser in den Höhlen per Boot überwanden oder durch enge Nischen krochen.

Vor dem Aufbruch nach Frankreich stand allerdings noch ein Besuch des Kölner Zoos auf dem Programm. Denn die San sind zwar bestens vertraut mit den Spuren der Tiere, die in ihrer Heimat Kalahari leben. Im Zoo hingegen konnten sie Bekanntschaft mit Bären machen, deren Spuren ebenfalls in Südfrankreich zu finden sind.