Archäologie-Serie Unbekannte Zeichen im Hause des mythischen Königs Minos

Diese Tontafel ist wahrscheinlich ein administrativer Text.

(Foto: mauritius images)

"ku-ro" oder "ku-lo"? Seit mehr als hundert Jahren verzweifeln Forscher am Schriftsystem Linear A. Die zweite Folge der Archäologie-Serie "Was steht denn da?"

Von Esther Widmann

Am Anfang war das eine Wort. Es stand in rätselhaften Zeichen auf uralten Siegelsteinen, die Antikenhändler Ende des 19. Jahrhunderts in Griechenland an den Engländer Arthur Evans verkauften. Lesen konnte er es nicht, doch als er später die Ausgrabungen in Knossos auf Kreta besuchte, war er sich sicher, dass die Zeichen von dort kamen.

Er kaufte das Gelände und grub dort ein gewaltiges Gebäude aus der Bronzezeit aus, in seinen Augen: ein Palast, und zwar der des mythischen Königs Minos. Dort fand er nicht nur weitere Siegel und Gegenstände mit den rätselhaften Zeichen, sondern noch weitere Schriftsysteme. Eines nannte er Linear A, weil es nur aus Linien zu bestehen schien, geschrieben auf ungebrannte Tontäfelchen. Er ahnte, dass es Listen waren, Verwaltungsdokumente. Doch lesen konnte er sie genauso wenig wie die bildhafteren Zeichen, die ihn hergeführt hatten.

Keiner weiß, was wajapi bedeutet

Obwohl die Entdeckung des sogenannten Palastes von Knossos mit seinen bunten Stiersprung-Fresken und einer Gesellschaft, die Evans "die Minoer" nannte, fast 120 Jahre her ist, ist Linear A immer noch unentziffert. Aber man weiß, wie die meisten Wörter der etwa von 1800 bis 1400 v. Chr. genutzten Schrift vermutlich geklungen haben. Weil sie später im Griechischen genutzt wurden, kennt man den Lautwert der Zeichen - jedenfalls wenn man davon ausgeht, dass sie in den beiden Schriftsystemen gleich waren.

Was steht denn da?

Die SZ-Serie beschäftigt sich mit Schriften, die noch niemand entziffert hat. Letzte Folge: Die Rongorongo-Schrift.

Den Gleichklang der Schriften legen Ortsnamen nahe, die in beiden Schriften vorkommen und die gleichen Zeichen benutzen, zum Beispiel ko-no-so: Knossos. Doch andere Linear-A-Wörter ergeben mit diesen Lautwerten keinen Sinn. Zum Beispiel lässt sich ein Wort als wa-ja-pi lesen, aber keiner weiß, was wajapi bedeutet und welche Sprache das ist. Damit ist klar, dass Linear A eben kein Griechisch enthält. Die Minoer sprachen etwas anderes.

"Es gibt eine Menge Entzifferungsversuche für Linear A, die alle nicht überzeugend sind: In der Regel gehen sie von einer bekannten Sprache aus und zwingen dann die vorhandenen Texte hinein", erklärt Philippa Steele, die an der Universität Cambridge versucht, die minoischen Texte zu verstehen.

Immerhin ist klar, dass die meisten Texte tatsächlich administrativer Natur sind, es sind Aufzählungen von Menschen, Orten und Waren. Liest man das Wort, das die Summe am Ende einer Liste bezeichnet, mit den Frühgriechischen-Lautwerten, so ergibt sich das Wort "ku-ro" oder auch "ku-lo" - R und L werden nicht unterschieden. In anderen alten semitischen Sprachen wie zum Beispiel Akkadisch gibt es das Wort "kl", das "alles" bedeutet.

Könnte diese Ähnlichkeit bedeuten, dass Linear A eine semitische Sprache abbildet? Nicht unbedingt, warnt Steele: Es könnte sich auch schlicht um ein Lehnwort handeln, zumal bisher keine anderen Wörter gleicher Abstammung gefunden worden sind. Andere Forscher vermuten, dass es sich um eine anatolische Sprache handelt. Auch dafür gibt es aber keine belastbaren Hinweise.

Evans, der Ausgräber von Knossos, hatte viele Ideen über die Minoer - aber nur wenige zu Linear A. Steele glaubt, dass die Schrift nur entziffert werden kann, wenn mehr Dokumente gefunden werden. Und am besten wäre es, wenn diese vollständige Sätze enthielten - und nicht bloß die ewigen Listen.

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