Akupunktur "Wieder gesehen, nicht praktiziert"

Es war alles ausgedacht. Das zeigt schon der erste, gemeinsam mit Ferreyrolles verfasste Aufsatz 1929. Es gehe "um Verfahren, deren Anwendung einer von uns in China gesehen hat". Gesehen, nicht praktiziert! 1931 erschien der nächste Aufsatz mit Ferreyrolles. Hier heißt es: "Immer noch furchtsam, probierten wir an Europäern aus, was der eine von uns bei den Chinesen angewandt gesehen hatte."

Wieder gesehen, nicht praktiziert. In den ersten beiden Aufsätzen, die er 1932 allein schrieb, unterlief ihm ein weiterer Fehler. Er beschreibt die Nadel (im Singular!), die angeblich sein Leben verändert hat: "Die angewandten Mittel waren einfach. Auf die chinesischen Punkte einige Stiche von 3 oder 4 mm Tiefe, mit einer feinen Kupfernadel."

Offenbar hatte er, als er wenig später den zweiten Aufsatz schrieb, keine Kopie des ersten zur Hand. In dem Aufsatz heißt es nämlich: "Einige Stiche von 3 oder 4 mm Tiefe, mit einer Nähnadel." Im Französischen klingt das ähnlich: hier "une aiguille de cuivre", dort "une aiguille à coudre" Kann man das verwechseln, zumal bei einem angeblich so lebensbestimmenden Ereignis?

Unbegreiflich auch seine Aussage, die Akupunktur sei "der wichtigste Zweig der chinesischen Medizin". Das ist keineswegs richtig, dies war stets die Heilmittellehre. Die Akupunktur (seit 1822 an der kaiserlichen Medizinakademie verboten) führte ein Schattendasein. Xu Dachun beklagt sie schon 1757 als "verlorene Tradition".

Seit dem Sturz der Qing-Dynastie war Chinas alte Medizin Spielball der Politik. Ihr Wiederaufstieg ab 1955 war politisch bedingt. Sie nannte sich "traditionell", war es aber nicht: EKG, Röntgen, Blutbild gab es in Krankenhäusern auch für Patienten der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). In der Ausbildung an Hochschulen wurde zunächst Biologie gelehrt, dann, wie eine Fremdsprache, wurde TCM vermittelt.

Die TCM in China beruht vor allem auf dem Ansehen im Westen

Bei jungen Chinesen verlor die TCM zunehmend an Rückhalt. Dann kamen die Westler. Heilkräuter-Export und Kurse in TCM boomten. Und die Westler glaubten alles - dank der Vorarbeit Souliés. So verstummten in China Stimmen, die traditionelle Empirie und modernes Wissen in Einklang bringen wollten. Stattdessen kehrten obsolete Inhalte wie "Leitbahnsehnen" zurück in die Lehrbücher.

Heute beruht das Selbstbewusstsein der TCM in China vor allem auf dem Ansehen im Westen. Jede Kritik, jede Diskussion - so die Sicht der Chinesen - würde das Ansehen gefährden. So trägt der Westen Mitschuld daran, dass die TCM in China immer reaktionärer wurde.

2006 stellte Chinas TCM-Administration den Antrag, TCM in die Unesco-Liste des "Immateriellen Weltkulturerbes" aufzunehmen. Hätte dies Erfolg gehabt, wäre eine Weiterentwicklung fast unmöglich - ebenso wie das Eliminieren des Obsoleten und Spekulativen, das bis heute in TCM-Lehrinhalten herumgeistert.

An den Folgen des Betruges Soulié de Morants leidet die Traditionelle Chinesische Medizin bis heute. Von rationalen Lehrinhalten kann keine Rede sein. Die Einführung der "Zusatzbezeichnung Akupunktur" für Ärzte in Deutschland im Jahr 2003 war voreilig. Sie zementierte spekulative Lehrinhalte, die vielfach dem Aberglauben näher sind als der Wissenschaft.

Der Text ist die bearbeitete und gekürzte Fassung eines Beitrags der jüngst im Deutschen Ärzteblatt erschienen ist. Der Autor ist Arzt und leitet das "Deutsche Institut für Traditionelle Chinesische Medizin" (DITCM), das die wissenschaftliche Basis chinesischer Medizin erforscht.