Akupunktur Behandlung mit Stich

Auch das Nadelsetzen nach dem Zufallsprinzip hilft. Dies ist nicht verwunderlich, wenn man die abenteuerliche Überlieferung der Lehre nach Europa kennt.

Von Werner Bartens

Sie gelten als "sanfte" Heilverfahren und als ungefährlich aber nutzbringend: Naturheilkunde, Homöopathie und Akupunktur sind in Westeuropa und Nordamerika populär. In Deutschland stehen Umfragen zufolge zwei Drittel bis drei Viertel der Bevölkerung diesen Behandlungsmethoden aufgeschlossen gegenüber oder haben sie schon selbst ausprobiert. Der Nutzen der Verfahren konnte wissenschaftlich aber nicht bewiesen werden. Auch im Fall der Akupunktur ist ungewiss, ob die Nadelungen tatsächlich wirken oder ob allein der Glaube an die segensreiche Wirkung - also der Placebo-Effekt - zu einer Linderung führt, wie sie in Untersuchungen an Schmerzpatienten beschrieben wird.

"Schon wie die Akupunktur in den Westen kam, ist dubios", sagt Paul Unschuld, langjähriger Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität München. Einer der ersten, die genauer hingeschaut hätten, sei Hanjo Lehmann, Autor des Beitrags "West-östlicher Scharlatan". Unschuld, Direktor des Horst-Görtz-Stiftungsinstituts an der Berliner Charité und Experte für Chinesische Medizin, amüsiert sich darüber, wie der falsch verstandene Begriff der "Energie" in Europa populär werden konnte: "Die Karriere begann mit der Energiekrise. Der Westen hatte Angst - und der Osten musste mit Rückgriff auf die vermeintlich traditionelle Chinesische Medizin den Energiehaushalt ordnen."

Auch die Idee von den Meridianen hält Unschuld für ein "unseliges Konzept", so wie es im Westen für die Akupunktur gebraucht werde. "Der europäische Begriff hat nichts mit der chinesischen Vorstellung von tiefen inneren Leitbahnen zu tun", sagt der Medizinhistoriker. "Ob es diese vermuteten inneren Ductus gibt oder ein stoffliches Korrelat dafür, ist auch unklar."

Anhängern der Akupunktur muss es einen Stich versetzen, dass Nadeln bei Schmerzen zwar helfen und Migräne vorbeugen können. Doch zugleich belegen große Studien, dass nicht nur Stiche in einen der 361 klassischen Akupunkturpunkte helfen, sondern auch die Scheinakupunktur. Es ist also egal, wohin gestochen wird. Das ist vor allem ein Beleg dafür, dass hier der Placebo-Effekt und nicht die spezifische Behandlung wirkt. Wer die abenteuerliche Überlieferung aus China kennt, wundert sich darüber nicht.

Bei einigen Schmerzsyndromen erstattet die Kasse Akupunktur. Ärzte können mit der Zusatzbezeichnung Patienten werben und die Leistungen abrechnen. Man darf gespannt sein, ob die deutschen Akupunktur-Gesellschaften, die Kassen und die Bundesärztekammer ihre Haltung zur Akupunktur überdenken.

Lesen Sie den Text "West-östlicher Scharlatan" von Hanjo Lehmann hier.