21. Januar 2013, 17:12 Psychologie Die Vermessung der Liebe

Drei Dimensionen hat die Liebe. Frauen wollen Nackenmassagen. Und heutzutage brauchen manche Menschen Excel-Tabellen für die Verwaltung ihrer Dates. Dies sind nur einige der Erkenntnisse über das mächtige Gefühl, die Wissenschaftler in Berlin vorstellten.

Von Christopher Schrader

Ganz schön gewagt, was dieser Einstein da zu Papier bringt. Nein, nicht die Relativitätstheorie, welche die Menschen aufwühlt, weil sie die Stellung des Homo sapiens im Universum relativiert. Die Zeilen Einsteins, um die es hier geht, tun das Gegenteil. Sie rücken einen Menschen in den Mittelpunkt seines Universums. Mileva Maric, seine Kommilitonin, Geliebte und spätere Ehefrau, der Einstein im Jahr 1900 schrieb: "Mein liebstes Doxerl! Da ich schreib in meinem Bett, wirds halt nicht so furchtbar nett!"

Als diese Worte durch den Schacht des Paternosters hallen, kichert das Publikum. Es steht dicht gedrängt in einem Treppenhaus der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am Berliner Gendarmenmarkt und sieht einer Performance zu. Studenten der Universität der Künste deklamieren Liebesbriefe von Engels, Lichtenberg und Einstein, während sie in den offenen Kabinen des Aufzugs fahren. Besonders die Hinterlassenschaften des Physikers erzeugen Spannung: der vergeistigte Kopf, vernebelt von der romantischen Liebe, erfüllt von erotischer Lust.

Solche Spannung ist Programm. Der ganze Abend, den die Performance in stündlichen Wiederholungen garniert, lebt davon, "den Gegensatz der verwirrend-emotionalen Welt der Liebe und der analytisch-reflektierenden Welt der Wissenschaft" zu erkunden, wie Akademie-Präsident Günter Stock am Anfang sagt. Sein Haus hat am Samstagabend zu einem nach der preußischen Königin und Gründerin der Akademie, Sophie Charlotte, benannten Salon eingeladen, und Hunderte sind gekommen. In vielen Vortragsräumen gibt es bis Mitternacht nur Stehplätze, teilweise drängen sich die Interessierten im Gang. Auf den Podien wirken auch drei Kulturjournalisten der SZ mit.

Das Publikum erfährt einiges über die Psychologie der Liebe, über Online-Partnerbörsen, den Liebestod in der Oper und vulgäre Kritzeleien in Pompeji, an deren Entschlüsselung Forscher der Akademie arbeiten. Woanders, beim "Speed-Dating" mit Max-Planck-Wissenschaftlern, sind untreue Vögel und von Parasiten befallene Stichlinge das Thema. Liebe sei "auch so ein Problem, das Marx nicht gelöst hat", erfahren die Besucher, bevor eine Literaturwissenschaftlerin über den Roman "50 Shades of Grey" rekurriert. Das Programm enthält gut 50 Angebote, die in Sälen, Büros, Gängen und Treppenhäusern der Akademie sowie des angrenzenden Forums der Max-Planck-Gesellschaft stattfinden. Dekoriert ist der Gebäudekomplex mit rotem Licht und weißen Luftballons in verknoteten Damenstrumpfhosen.

Eine präzise Definition von Liebe bleiben die Wissenschaftler auch an diesem Abend schuldig. Aber der Psychologe Manfred Hassebrauck von der Universität Wuppertal nennt zumindest die Dimensionen, in denen sich die Liebe gemeinhin entwickelt. "Es beginnt meist mit körperlicher Leidenschaft beim Verliebtsein", erklärt er. "Kommt die emotionale Intimität und Vertrautheit hinzu, haben die Partner die romantische Liebe erreicht." Als dritte Grunddimension kennt die Psychologie die kognitive Bindung aneinander; hat ein Paar alle drei erreicht, sprechen Wissenschaftler von der vollendeten Liebe.

Die frühe Leidenschaft schwinde dann oft als erste wieder, zurück bleibe eine Freundesliebe aus Intimität und Bindung, die viele stabile Ehen kennzeichne. Wenn es "nicht mehr so prickelt wie am Anfang", solle man nicht leichtfertig die Beziehung aufgeben, rät der Psychologe aus Wuppertal. Der Verlust habe auch sein Gutes: In der Phase akuter Verliebtheit gelinge es kaum jemandem, Informationen so systematisch zu verarbeiten, wie es etwa im Arbeitsleben notwendig sei. Die mögliche letzte Stufe nennt Hassebrauck hingegen eine traurige Entwicklung. "Verlieren die Partner auch die Intimität, ohne sich voneinander zu trennen, bleibt eine leere Liebe zurück."

Was genau dabei im Gehirn passiert, wissen eher biologisch orientierte Psychologen noch nicht so genau, räumt Beate Ditzen von der Universität Zürich ein. Immerhin hat die Wissenschaft ein entscheidendes Hormon identifiziert, das Oxytocin. Es ist mit der Intimität und Bindung der Paare assoziiert und hilft Menschen offenbar, das Leben zu meistern.

In Versuchen der Psychologin Ditzen bekamen Frauen eine Prise des Hormons in die Nase, bevor sie in einem Scanner leichte Elektroschocks erhalten sollten. Derart gerüstet, empfanden die Probandinnen weniger Stress. Ganz ähnlich wirkten Händchenhalten und bei akut Verliebten auch ein Bild des Partners. Eine Nackenmassage durch den Mann schließlich führte bei Frauen in einem simulierten Bewerbungsgespräch dazu, dass die Stresshormone nicht so stark ansteigen, wie es sonst der Fall gewesen wäre. "Wenn er ihr aber nur sagt, sie werde das schon schaffen, hilft ihr das kaum", rät Beate Ditzen dem Berliner Publikum. Auch wenn die Leidenschaft geschwunden sei, behält Intimität eine körperliche Komponente, ließe sich daraus schließen.

Das Ideal der romantischen Liebe mit dem einen, quasi für den anderen geschaffenen, Partner, begleitet die Menschen jedoch oft durch das Leben, immer wieder angeheizt durch Romane oder Filme. Auf die Probe gestellt wird es gerade durch das modernste Instrument der Partnerwahl: Online-Börsen, die nach Aussage der Ethnologin Julia Dombrowski vom Völkerkunde-Museum Hamburg in Deutschland etliche Millionen Mitglieder haben. "Diese Masse mit ihrer Assoziation der Beliebigkeit steht im eklatanten Widerspruch zu der Einzigartigkeit, die die Liebe nach dem Ideal auszeichnet", sagt die Gelehrte.

Die Suchenden stehen daher vor dem Dilemma, unter Millionen als Individuen wahrgenommen zu werden und mögliche Partner wahrnehmen zu können. Das führe zu einer "Intensivierung der Selbstdarstellung", sagt Dombrowski, und einer "Intensivierung der Entscheidungsprozesse". Die Portale selbst sowie die Freunde der Nutzer geben ständig Tipps, was am besten in den Online-Profilen stehen soll. Und viele Nutzer entwickeln offenbar ausgefeilte Ordnungssysteme, um die Erlebnisse mit möglichen Partnern nicht durcheinanderzubringen, mit denen sie mailen, chatten oder sich in der realen Welt treffen. "Sie legen sich Ordner oder Excel-Tabellen an und verwenden darauf natürlich viel Zeit", sagt die Ethnologin.

Das System verleite dazu, endlos weiterzusuchen. Schließlich könnte der eine wahre Partner nur ein paar Mausklicks weiter warten. Oder zumindest jemand, der diese eine Macke des Mannes oder der Frau nicht hat, mit der man erste Bande geknüpft hat. Viele Geschichten von online zusammengeführten Paaren reromantisieren das Verfahren nachträglich, hat Dombrowski beobachtet, indem sie die Rolle des Zufalls und Schicksals betonen. Einer von beiden erzählt dann zum Beispiel, wie er den Computer schon ausmachen wollte, als die E-Mail des anderen kam.

Letztlich bringen die Online-Partnerbörsen das Motto des Abends auf den Punkt: die Spannung zwischen Liebe und Wissenschaft. Manche Börsen brüsten sich damit, ihren - zahlenden - Kunden mögliche Partner vorzuschlagen, die aufgrund psychologischer Erkenntnisse und anhand ausgefüllter Persönlichkeits-Fragebögen gut zu ihnen passen könnten. Unterstützt werde das, so Dombrowski, durch den unterschwelligen Gebrauch von wissenschaftlich wirkenden Grafiken und Diagrammen. Um den Eindruck aber auszubalancieren, zeigen die Webseiten viele lachende Paare, denen der Besucher dann unbewusst unterstellt, in romantischer Liebe verbunden zu sein.

Solche Fotos gibt es - im Stil ihrer Zeit - übrigens auch vom jungen Albert Einstein und seiner Ehefrau Mileva. Die beiden heirateten 1903, nachdem sie sich sechs Jahre lang Liebesbriefe geschrieben und eine uneheliche Tochter gezeugt hatten. Als Idealbild der ewig romantischen Liebe taugen der Physiker und seine auf dem Gebiet der Wissenschaft nicht weniger begabte Partnerin aber eher nicht. Sie trennten sich 1914 und wurden 1919 geschieden.