3. August 2011, 11:11 Naturschutz Angst um Europas Amazonien

Kurz vor seinem EU-Beitritt plant Kroatien zerstörerische Eingriffe in die einmalige Flusslandschaft an Donau, Drau und Mur - Eingriffe, die mit EU-Recht unvereinbar wären, beklagen Naturschützer.

Von Rüdiger Schacht

Die Mittagshitze hängt schwer über der Baranja-Ebene. Von einem makellos blauen Himmel strahlt die Sonne auf eine der letzten naturbelassenen Flusslandschaften Europas: die Ufer- und Auenbereiche am Zusammenfluss von Mur, Drau und Donau. Schimmel schauen schläfrig aus ihren Boxen. Die zum Trocknen aufgehängten Ketten aus Knoblauchknollen, Paprika und Kräutern verströmen ihren würzigen Duft.

Die Donau mäandert durch den Naturpark Kopacki Rit. Der Eiserne Vorhang und der Jugoslawienkrieg haben dazu geführt, dass die Flusslandschaft bislang nahezu unberührt geblieben ist.

(Foto: Mario Romulic/www.romulic.com)

Hier liegt eine weitgehend unberührte Region", sagt der Biologe Martin Schneider-Jacoby von der gemeinnützigen Umweltstiftung Euronatur. Ihre Ursprünglichkeit verdankt die Gegend dem Eisernen Vorhang. "In der Mitte der Drau verlief die Grenze zwischen dem Stalinismus und dem blockfreien Jugoslawien", sagt Schneider-Jacoby. Kaum ein Mensch gelangte in dieser Zeit vom benachbarten Ungarn in das kroatische Gebiet. So verändern die Flüsse hier noch weitgehend unreguliert ihren Lauf, an dem Bruch- und Auwälder entstanden sind.

Doch nun ist die unberührte Natur in Gefahr. Rund 190 Wasserbauprojekte hat Kroatiens Regierung in der Gegend geplant. Die Flüsse sollen begradigt und ausgebaggert werden, Elektrizitätswerke werden an ihren Ufern errichtet. "Die Umsetzung der Maßnahmen würde die ökologisch wertvolle Flusslandschaft an Donau, Drau und Mur auf einer Länge von 111 Kilometern unwiederbringlich zerstören", sagt der Flussexperte Ingo Mohl vom WWF-Österreich, der gemeinsam mit Euronatur gegen die Eingriffe kämpft.

Zwar konnten die Umweltschützer den Bau von vier Kraftwerken an der Mur inzwischen verhindern. "Das Schlimme aber ist, dass einige Arbeiten schon ohne gültige Umweltverträglichkeitsprüfung begonnen wurden", sagt Mohl. "Es scheint fast so, als sollten vor dem EU-Beitritt Kroatiens noch schnell Tatsachen geschaffen werden."

Weiter stromabwärts, wo Drau und Donau zusammenfließen, findet sich ein wahres Kleinod: das Kopacki Rit. Dieses periodisch überflutete, wilde Feuchtgebiet hat der WWF aufgrund seines Artenreichtums "Amazonas Europas" getauft. Etwa drei Monate im Jahr wird die rund 240 Quadratkilometer große Region überflutet und bietet mehr als 2000 Tierarten ein Zuhause.

Neben Seeadlern, Seidenreihern und Moorenten finden sich hier auch Schildkrötenarten und vom Aussterben bedrohte Amphibien wie Kreuzottern und Rotbauchunken. Biber bevölkern die Ufer des Bruch- und Auenwaldes, durch den das Rotwild stapft.

Uralte Eichen und Pappeln recken ihre Zweige in den Himmel und bilden ein ideales Revier für die Gelege der seltenen Schwarzstörche, von denen hier rund 80 Paare brüten. Große Teile des Gebiets stehen bereits seit 1967 unter Naturschutz. "Hinzu kommt die enorme Bedeutung des Rieds als Rastplatz für Tausende von Zugvögeln", ergänzt Franko Petri vom WWF-Österreich.

Der Mensch hatte sich hier lange Zeit selbst ausgesperrt. Während des Jugoslawienkriegs lag die Baranja im Kampfgebiet der verfeindeten Parteien. Sie versuchten sich gegenseitig durch Minengürtel am Durchqueren des Gebietes zu hindern. Mehrere tausend Minen liegen immer noch im Boden. An den wenigen Zugangsstellen zum Ried warnen Schilder vor der Lebensgefahr abseits der Wege.

Der Naturpark Kopacki Rit in der Nähe von Osijek, im Osten Kroatien.

(Foto: AFP)

Die wasserbaulichen Projekte würden nicht nur den Flüssen schaden, sondern den gesamten Lebensraum hier zerstören", sagt Schneider-Jacoby. Die Umweltschützer fordern daher ein 8000 Quadratkilometer großes Naturreservat, das die Ufersäume der Flüsse und das Kopacki Rit einschließt.

Flussbegradigungen waren klassische Maßnahmen in den 50er Jahren zur Entwässerung und Erschließung neuen Ackerlandes", sagt der Hydrologe Georg Hörmann von der Universität Kiel. Seit Mitte der 70er Jahre aber bemüht man sich EU-weit um die Renaturierung der Gewässer.

So fordert die Wasserrahmenrichtlinie, dass alle Gewässer in der EU bis zum Jahr 2015 "in einem guten chemischen und ökologischen Zustand sein müssen", erläutert Jörg Rechenberg vom Umweltbundesamt. "Auch ein Beitrittskandidat sollte diese Richtlinie kennen", ergänzt der Gewässerexperte. "Es wäre geradezu vertrauenswidrig, wenn die zuständigen Behörden kurz vor einem Beitritt die einschlägigen Richtlinien der EU absichtlich ignorierten."

Auch mit den Plänen für ein "Unesco-Biosphärenreservat Donau-Drau-Mur" wären die Wasserbaumaßnahmen kaum zu vereinbaren. Im März aber haben sich die Anrainerstaaten der drei Flüsse dafür ausgesprochen, die Errichtung eines solchen Reservats zu unterstützen: Österreich, Ungarn, Serbien, Slowenien - und auch Kroatien.