23. Januar 2013 16:12 Alternative Energien Heizen mit der Kloake

In Fürth wird das Rathaus mit Wärme aus dem Abwasser geheizt. Mit der neuen Anlage spart die Stadt gegenüber ihrer alten Erdgas-Heizung jährlich 130 Tonnen Kohlendioxid. Es ist nicht das einzige Projekt in Deutschland, bei dem auf diese Weise Wärme gewonnen wird.

Von Ralph Diermann

Wer nach einem Vollbad den Stöpsel seiner Wanne zieht oder kochendes Nudelwasser in den Ausguss schüttet, lässt eine Menge Energie ungenutzt in die Abwasserkanäle entweichen. Zwischen 12 und 15 Grad ist das Abwasser in dichter bebauten Gebieten Deutschlands im Durchschnitt warm, wenn es im Untergrund in Richtung Kläranlage rauscht. Damit gehen enorme Mengen an Wärme verloren.

Nicht jedoch in Fürth - die Stadt heizt nämlich ihr Rathaus mit der Wärme aus dem Abwasser. Dazu haben die Franken einen unterirdischen Hauptkanal angezapft, der wenige Meter von dem markanten Bau aus dem 19. Jahrhundert entfernt verläuft.

"Wir haben auf dem Grund des Kanals auf einer Strecke von 70 Metern Wärmetauscher installiert, die dem vorbeifließenden Abwasser Wärme entziehen", erklärt Katrin Egyptiadis-Wendler von der Fürther Stadtverwaltung. Über einen Wasserkreislauf wird die Heizenergie zu einer Wärmepumpe transportiert, die sie auf eine Temperatur von 50 Grad bringt.

Die Leistung der Anlage reicht aus, um den Wärmebedarf des Rathauses zu vier Fünfteln zu decken. Dabei kommt den Fürthern zugute, dass die Temperatur des Abwassers auch im Winter weitgehend konstant ist. "Nur wenn die Mitarbeiter an kalten Tagen die Heizung stark aufdrehen, müssen wir einen gasbefeuerten Spitzenlastkessel zuschalten", sagt Egyptiadis-Wendler. Insgesamt spart die Stadt Fürth mit der neuen Anlage gegenüber ihrer alten Erdgas-Heizung jährlich 130 Tonnen Kohlendioxid und 20.000 Euro ein - nach 7,5 Jahren dürfte sich der Einbau amortisiert haben.

Deutschlandweit werden erst rund zwei Dutzend Gebäude auf diese Weise mit Wärme versorgt. Doch es könnten deutlich mehr sein, meint Johannes Lohaus, Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA): "An vielen Stellen ist es möglich, Wärme aus dem Abwasser zu gewinnen. Allerdings muss man immer im Einzelfall prüfen, ob die Wärmenutzung tatsächlich sinnvoll ist."

So sei es wichtig, dass die Wärme in unmittelbarer Nähe zum Schmutzwasserkanal verwertet wird. Ist die Distanz zu groß, geht unterwegs Heizenergie verloren. Wärmetauscher direkt in die Abwasserrohre der Gebäude zu montieren ist dabei meist keine Alternative.

Denn eine verlässliche Ausbeute setzt einen gleichmäßig großen Durchfluss an Abwasser voraus. Damit die Anlagen genug Wärme für einen Gewerbebetrieb oder ein kleines Mehrfamilienhaus gewinnen können, müssen kontinuierlich mindestens 15 Liter Schmutzwasser pro Sekunde fließen, hat Egyptiadis-Wendler ausgerechnet.

Vor allem in Schwimmbädern, Hotels und großen Wohnanlagen wird die Technik bislang eingesetzt. Diese Objekte brauchen auch im Sommer relativ viel Energie, sodass sich die Anlagen das ganze Jahr über gut auslasten lassen. Alternativ können die Öko-Heizsysteme in der warmen Jahreszeit auch genutzt werden, um Gebäude zu kühlen.

Das macht zum Beispiel Ikea in seiner Filiale in Berlin-Lichtenberg, in der Europas größte Abwasser-Heizung installiert ist. Die Decke des Möbelmarkts ist mit speziellen Platten versehen, in denen Rohrleitungen verlegt sind. Darin fließt Wasser, das die Wärme aus dem Gebäude abführt und über die Wärmetauscher an das kommunale Kanalnetz abgibt. Das spart viel Strom: "Indem wir die Wärme aus unserem Einrichtungshaus im Sommer in das Abwasser ableiten, können wir in Lichtenberg komplett auf eine konventionelle Klimatisierung verzichten", erklärt Ikea-Sprecherin Simone Setterberg.

Sollte die Zahl der Abwasser-Heizungen in Zukunft steigen, stehen die Betreiber von Kläranlagen allerdings vor einem Problem. Bakterien, die dort die biologische Reinigung übernehmen, lieben es warm. "Sie arbeiten effektiver, wenn die Wassertemperatur höher liegt", erläutert Johannes Lohaus. Auf dem momentanen Temperaturniveau können Kläranlagen gut arbeiten.

Sollte das Abwasser durch die Wärmerückgewinnung aber zu kalt werden, müsste es in der Kläranlage zwar nicht geheizt, aber stärker belüftet werden, um die gewünschte Reinigungswirkung zu erzielen. "Damit wiederum steigt der Stromverbrauch der Kläranlage, weil die Belüftung Energie verschlingt", sagt der DWA-Geschäftsführer.