Zukunft der Arbeit Wenn Roboter die Welt beherrschen

Hallo, ich bin ein Roboter. Und vielleicht nehme ich Ihnen bald Ihren Job weg.

(Foto: Joshua Roberts/Reuters)

Die digitale Ära macht aus Beschäftigten Leibeigene, warnt ein Harvard-Ökonom. Seine Lösung ist erzkapitalistisch.

Von Alexander Hagelüken

Wenn Gewerkschafter am 1. Mai demonstrieren, geht es schon mal lauter zu. Zum Tag der Arbeit an diesem Donnerstag fallen die Töne rauer aus, um die Gefolgschaft zu binden - eine Reminiszenz an Zeiten, als beim Klassenkampf brutal gerungen wurde (siehe unten). Der Alltag zwischen Arbeitern und Kapitalisten in den Industrieländern verläuft dagegen heute gesittet, auch sprachlich. Nun kommen aufrührerische Töne von einem, der als Forscher auf keiner Seite steht: Der Harvard-Ökonom Richard Freeman sieht in der digitalen Ära einen Feudalismus heraufziehen, "in dem Reiche Märkte und Regierungen dominieren wie im Mittelalter". Arbeiter könnten wieder zu Leibeigenen zu werden. "Wer die Roboter besitzt, regiert die Welt", postuliert Freeman in einer Studie, die der SZ vorliegt.

Der 71-jährige Professor sorgte mit seinen Thesen schon öfter für Aufsehen, etwa als er früh die Wirkungen der Globalisierung beschrieb. Was ist diesmal der Grund für den Aufruhr? Freeman analysiert eine gerade entstehende Wirtschaft, in der Maschinen Dinge können, die vor wenigen Jahren unvorstellbar waren. Ein Schachcomputer schlägt den Weltmeister, Autos brauchen keinen Fahrer, und Programme diagnostizieren Patienten besser als ein Arzt. Die britischen Ökonomen Osborne und Frey schätzen, dass Maschinen in den nächsten zwei Dekaden nicht nur Fabrikarbeiter ersetzen, sondern auch jeden zweiten Programmierer und 95 Prozent aller Sachbearbeiter. "Die Digitalisierung könnte die guten Jobs mit hohen Löhnen wegnehmen und Menschen schlecht bezahlte Jobs lassen", formuliert Freeman. Um dann zu fragen: Wird es wirklich so kommen? Die Angst vor der Technik ist so alt wie die Technik selbst - und stellte sich meist als übertrieben heraus. Im 18. Jahrhundert ersetzte der mechanische Webstuhl die Weber, doch es entstanden andere Jobs. In den 1930er-Jahren machte US-Präsident Franklin D. Roosevelt Technik für die Massenarbeitslosigkeit der Weltwirtschaftskrise mitverantwortlich, doch es folgte ein Boom. Und 1996 rief der Autor Jeremy Rifkin "Das Ende der Arbeit" aus, doch danach erreichte die US-Beschäftigtenrate den höchsten Stand aller Zeiten.

Warum der Wandel für die Arbeitnehmer bisher meist positiv ausfiel, erklären Ökonomen gängigerweise so: Der technologische Fortschritt erfordert schneller qualifizierte Arbeitskräfte, als überhaupt solche Leute zur Verfügung stehen. Auch wenn die Technik manche Jobs überflüssig macht, schaffen ganz neue Produkte wie Smartphones Stellen, die es zuvor nicht gab. Mit der Geschwindigkeit des technischen Fortschritts steigt also die Nachfrage nach Beschäftigten.

Doch bleibt das so? Vielleicht wird es künftig nicht mehr automatisch der Fall sein, schreibt die Münchner Ökonomieprofessorin Dalia Marin mit Blick auf US-Daten seit Ende der Neunzigerjahre. Neue Technologien rationalisierten zunehmend Jobs mit mittleren Einkommen weg: "Sie ersetzt Rechtsanwälte, Ärzte, Professoren." Als einen Hinweis dafür, wie sich die Dinge entwickeln, führt Marin die Arbeitslosenrate von Akademikern in den USA an: Die hat sich im Vorreiterland von Apple, Google und Co. seit dem Jahr 2000 auf 4,6 Prozent mehr als verdoppelt.

Ein Vorschlag: Beschäftigte sollen beteiligt und so zu Kapitalisten werden

Was also geschieht mit den Jobs? Harvard-Professor Freeman argumentiert, die gängigen Modelle erfassten die neue digitale Ära unzureichend: Womöglich erhöht der technischer Fortschritt die Nachfrage nach qualifizierten Kräften nicht mehr. Ob den Menschen wirklich die Jobs ausgehen, sei aber nicht entschieden. Solange Maschinen Menschen in den einzelnen Tätigkeiten verschieden stark überlegen sind, bleibt immer noch die Spezialisierung: Menschen können das machen, wozu Maschinen zu wenig strategisch, einfühlsam oder kreativ sind - selbst die Skeptiker Osborne und Frey halten Manager, Erzieher oder Schriftsteller für schwer ersetzbar.

Die zentrale Frage der digitalen Ära wird demnach gar nicht sein, ob Menschen Arbeit finden - sondern zu welcher Bezahlung. Wissenschaftler wie Herbert Simon postulierten bisher, der technische Fortschritt erhöhe tendenziell die Löhne - was sich empirisch durch lange Zeit steigende Reallöhne nachweisen ließ. Freeman formuliert ein neues eisernes Gesetz: "Sobald Roboter oder Computer etwas billiger erledigen können, nehmen sie Menschen den Job ab - außer der ist bereit, weniger Lohn hinzunehmen", schreibt er in dem Aufsatz, der bald online in der IZA World of Labor des Bonner Instituts für die Zukunft der Arbeit erscheint. Der Professor sieht für die Arbeitnehmer eine Spirale nach unten voraus, die längst eingesetzt habe. Von 1990 bis 2009 ging der Anteil der Löhne am Volkseinkommen in vielen Industrieländern zurück - in 26 von 30 OECD-Staaten. Profiteure waren die Eigentümer des Kapitals. Für die Beschäftigten könne es weiter nach unten gehen, bis sie eine moderne Art Leibeigener würden. Freeman hat dabei ein historisches Beispiel auf seiner Seite. Nach Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert dauerte es trotz technischen Fortschritts Dekaden, bis die Arbeiter mehr verdienten. Das geschah nicht von selbst, sondern durch eine neue politische Kraft - die Arbeiterbewegung.

Auch diesmal geschieht es womöglich nicht von selbst, dass die Beschäftigten von der Wirtschaftsleistung der Supermaschinen profitieren. Freeman hält die Gewerkschaften heute für zu schwach, um deutlich höhere Löhne auszuhandeln. Auch eine Umverteilung des Computer-Wohlstands über höhere Steuern passe nicht ins politische Klima. Er schlägt stattdessen vor, die Beschäftigten zu Kapitalisten zu machen: Etwa durch Arbeitnehmer-Stiftungen, die Aktien kaufen oder durch Aktienoptionen als Teil des Lohns. Ein Anfang ist gemacht: In den USA partizipiert bereits jeder Zweite über Gewinnbeteiligung oder Aktien am Firmenerfolg.

Es dürfte nicht leicht sein, die Widerstände zu überwinden. In Europa wehren sich Unternehmen oft gegen die Beteiligung der Mitarbeiter, weil sie Mitsprache und Kosten scheuen. Die Gewerkschaften sind dagegen, weil sie um ihren Einfluss fürchten. Die Politiker sind indifferent. Aber womöglich bedarf es angesichts des großen Umbruchs genau so einen optimistisch amerikanischen Anstoß wie den von Freeman: Hey, Arbeiter, ihr müsst die Roboter besitzen! So bekommt das wohl nur ein US-Wissenschaftler hin: In klassenkämpferischem Ton auf ein drohendes Problem aufmerksam machen - und dann eine erzkapitalistische Lösung vorschlagen.