Dax fällt zeitweise unter 6000 Punkte Finanzmärkte nehmen Absturz der Wirtschaft vorweg

Chaos in Griechenland, Sorge um Spanien und Furcht vor einem Konjunktureinbruch in den Vereinigten Staaten: Die Anleger fliehen aus den Aktien. Zum ersten Mal seit Januar ist der wichtigste deutsche Börsenindex Dax vorübergehend wieder unter die markante Marke von 6000 Punkten gerutscht.

Schon der Börsenmonat Mai war verheerend - doch der Einbruch am Aktienmarkt setzt sich nun auch im Juni mit unverminderter Geschwindigkeit fort: Der deutsche Leitindex Dax ist am Montagmorgen unter die psychologisch wichtige Marke von 6000 Punkten gerutscht. Im frühen Geschäft brach er um bis zu 1,6 Prozent auf 5953 Zähler ein, erholte sich dann aber wieder etwas. Zuletzt hatte das Börsenbarometer Anfang Januar unter der Marke von 6000 Punkten gelegen. Seit seinem Jahreshoch von Mitte März hat damit der Leitindex mehr als 16 Prozent eingebüßt.

Alle Zuversicht ist also dahin: Das knapp achtzehnprozentige Plus vom Jahresauftakt, der größte Kursgewinn in einem ersten Quartal seit 1998, hat der Dax binnen weniger Wochen nun fast komplett wieder aufgezehrt. Die Stimmung am Markt sei, wie es ein Händler etwas eigenwillig formulierte, "untergalaktisch schlecht".

Die heftigen Verluste am Aktienmarkt signalisieren, dass die Anleger mit einer drastischen Verschärfung der Wirtschaftskrise rechnen - und zwar an allen Fronten. Einerseits befürchten sie, dass der drohende Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone und die sich zusehends verschärfende Lage in Spanien einen wirtschaftlichen Flächenbrand in Europa auslösen könnte.

Hinzu kommt, dass die Hoffnung auf eine Besserung der Lage in den Vereinigten Staaten einen herben Dämpfer bekommen hat: Die Arbeitslosenzahlen, die sich zuletzt noch so verheißungsvoll entwickelt hatten, enttäuschten am vergangenen Freitag alle Erwartungen. Die Bevölkerung der USA wächst derzeit schneller, als neue Jobs entstehen. Die Arbeitslosigkeit steigt also. Außerdem korrigierten die amerikanischen Statistiker die Zahlen für die letzten zwei Monate massiv nach unten. Die Arbeitslosenzahlen sind einer der wichtigsten Indikatoren, ob die US-Wirtschaft läuft.

Investoren sprachen von einem Schock, weil viele damit gerechnet hatten, dass die US-Wirtschaft in Schwung komme. Und selbst in China, das mit seinem kräftigen Wirtschaftswachstum die desolate Lage in Europa und den USA zumindest teilweise ausgleichen konnte, herrscht mittlerweile Ernüchterung - die Geschäfte laufen schlechter als gedacht.

Auch der Euro verliert seit Wochen an Wert. Zwar hat er sich zu Wochenbeginn etwas gefangen. Am Montagmorgen kostete die Gemeinschaftswährung 1,2410 US-Dollar und damit geringfügig mehr als am Freitagabend. Doch am Montag blieb der für den Devisenhandel so wichtige Londoner Markt wegen den Queen-Feierlichkeiten geschlossen, viele Händler hielten sich darum zurück. Im vergangenen Monat hatte der Euro rund sechs Prozent eingebüßt - für eine Währung, die neben dem Dollar eine der weltweit wichtigsten Leitwährungen sein soll, ist das enorm viel.

Hoffen auf die US-Notenbank

Mitverantwortlich für den starken Kursrutsch der Gemeinschaftswährung sind laut einem Bericht der Financial Times (FT) die Zentralbanken der Schwellenländer. Diese sollen sich in den vergangenen Wochen aus dem Euro zurückgezogen haben. Das sei ein radikaler Strategiewechsel gewesen. Bislang hätten die Zentralbanken bevorzugt in Schwächephasen in den Euro investiert, um die eigenen Währungsreserven breiter aufzustellen und eine Alternative zum Dollar zu haben. Zuletzt habe sich das aber geändert: Nach Angaben der FT haben sich die Zentralbanken der Schwellenländern, aber auch Hedgefonds und institutionelle Anleger verstärkt vom Euro getrennt.

Und wie geht es nun weiter mit Dax und Euro? "Selbst wenn sich der Dax hier und da mal aufbäumen sollte, geht die Tendenz insgesamt doch weiter nach unten", sagt Tobias Basse, Aktienstratege bei der NordLB. "Die Schuldenkrise ist und bleibt der entscheidende Belastungsfaktor." Zudem wird deutlich, dass immer mehr Euro-Länder wohl erneut ihre Banken stützen müssen: Neben Spanien werden nun auch Portugal sowie womöglich Irland und Zypern wieder Milliarden in die Kreditinstitute stecken.

Große Beachtung dürfte aber auch ein Auftritt des US-Notenbank-Chefs Ben Bernanke an diesem Donnerstag finden: Nach den katastrophalen Arbeitsmarktdaten am Freitag sei es möglich, dass die Federal Reserve weitere Stützungsmaßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft ankündige, sagte Tom Porcelli von RBC Capital Markets in New York. "Der einzige Grund, den die Fed vom Handeln abhielt, war der Aktienmarkt. Nun aber geht es dort bergab. Die Börsen fallen, und das war die letzte Hürde für die Fed. Alle anderen Kriterien für ein Eingreifen sind bereits erfüllt", sagte Porcelli.

Die Unsicherheit manifestiert sich unterdessen auch noch an ganz anderer Stelle: Weltweit fahren Banken ihre grenzüberschreitende Kreditvergabe zurück. Wie der Quartalsbericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zeigt, haben die Geldhäuser ihre frischen Mittel an Unternehmen, Regierungen und andere Kreditinstitute so stark gekappt wie zuletzt nach dem Lehman-Zusammenbruch 2008.

Konkret: Im Schlussquartal 2011 reduzierten die Institute ihre grenzüberschreitende Mittelvergabe um 799 Milliarden Euro oder 2,5 Prozent. Das Minus sei vor allem im Interbankenmarkt begründet, hieß es weiter. Dort leihen sich die Institute gegenseitig Geld. Wenn dieser Handel ins Stocken gerät, ist das ein klares Signal für steigendes Misstrauen. In der Zeit nach der Lehman-Pleite trocknete der Interbanken-Markt förmlich aus. Mittlerweile stehen allerdings die Zentralbanken mit viel Geld parat, um die Banken mit Kredit zu versorgen. Daher sind die Folgen der rückläufigen Kreditvergabe weniger dramatisch als 2008.