Wechsel an Zentralbank-Spitze Kanadier wird neuer Chef der Bank of England

Monatelang war spekuliert worden, jetzt kam die Überraschung: Mark Carney wird die britische Zentralbank leiten. Er ist Direktor der kanadischen Notenbank und war früher bei Goldman Sachs. Dennoch gilt er als Kontrolleur, der sich von Bankern nicht einschüchtern lässt.

Die Personalie ist eine Überraschung für die Londoner Finanzwelt: Kanadas Zentralbankchef Mark Carney wird Nachfolger von Mervyn King an der Spitze der Bank von England. Das erklärte Finanzminister George Osborne in London. Er beendete damit monatelange Spekulationen um die Nachfolge Kings, der die Zentralbank seit 2003 leitet und Anfang kommenden Jahres in den Ruhestand geht.

Es ist ein Weg aus der ehemaligen Kolonie ins Mutterland. Dass Ausländer Zentralbanken leiten, ist ungewöhnlich. Die Stabilität des eigenen Geldes soll doch bitte, so das Denken der Verantwortlichen, im eigenen Land bleiben. Vielleicht ist der 47 Jahre alte Carney aber einfach zu gut, um in London ignoriert zu werden. Nach Ansicht vieler Ökonomen ist er maßgeblich dafür verantwortlich, dass Kanada die Finanzkrise besser überstanden hat als andere Länder. Den Posten in Großbritannien übernimmt er zum 1. Juli 2013. Der Ökonom leitet derzeit auch den Finanzstabilitätsrat FSB in Basel, der im Auftrag der G20-Staaten Regeln für die internationale Finanzwirtschaft erarbeitet.

Vor seiner Zeit bei der kanadischen Notenbank hat Carney unter anderem für die US-Investmentbank Goldman Sachs und das Finanzministerium in Ottawa gearbeitet, daher kennt er sowohl die Bankenbranche als auch den Politikbetrieb. Dabei galt Carney allenfalls als Geheimfavorit: Größere Chancen auf den Top-Posten bei der Bank von England schien zuletzt Kings Vize Paul Tucker zu haben. Wegen dessen unklarer Rolle im Libor-Manipulationsskandal entschied sich die Regierung aber offenbar lieber für Carney. Er wird der 120. Gouverneur der Bank von England.

"Ich gehe dorthin, wo die Herausforderungen am größten sind"

Finanzminister Osborne bezeichnete Carney als "den herausragenden Notenbanker seiner Generation". Mervyn King würdigte seinen baldigen Nachfolger als "weithin akzeptierten und außergewöhnlichen Notenbanker". In der Londoner Finanzwelt hingegen sorgte die Nachricht auch für negative Reaktionen. Malcom Barr von JP Morgan etwa geht davon aus, dass mit Carney jemand bei der Notenbank die Führung übernimmt, der durch seine lange Tätigkeit beim FSB in Sachen Bankenregulierung "eher orthodox" sein dürfte.

Carney ist bekannt dafür, sich von Bankern nicht unter Druck setzen zu lassen, die sich auch nach der Finanzkrise noch gegen schärfere Regeln stemmen. In einer berühmt gewordenen Sitzung mit 30 Bankchefs, soll er Jamie Dimon, den Chef von JP Morgan, so gereizt haben, dass der begann ihn anzubrüllen. Carney antwortete zwei Tage später öffentlich - mit einer gepfefferten Rede.

Er selbst erklärte in einer ersten Stellungnahme, er hoffe, dass er auch in seiner neuen Position und als weiter amtierender Vorsitzender des FSB den Bankenplatz London reformieren könne. Die Zeiten seien schwierig für die britische Wirtschaft, aber: "Ich gehe dorthin, wo die Herausforderungen am größten sind." Er habe sich erst nach einer längeren Bedenkzeit dazu durchgerungen, das Angebot zu akzeptieren.