Waffenexporte von Sig Sauer Deutsche Waffen-Firma unter Verdacht

Eine Sig-Sauer-Pistole des Modells P220. Exemplare der SP 2022 sollen illegal nach Kolumbien geliefert worden sein.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der weltbekannte deutsche Waffen-Hersteller Sig Sauer soll illegal Tausende Pistolen geliefert haben, die im Bürgerkriegsland Kolumbien landeten. Die Geschäftsleitung bestreitet das, aber die NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" vorliegenden Indizien sind erdrückend.

Von V. Kabisch, G. Mascolo, F. Obermaier und B. Obermayer

Einer der bekanntesten deutschen Waffenhersteller soll nach Informationen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung deutsche Behörden getäuscht haben, um illegal Pistolen in das Bürgerkriegsland Kolumbien zu exportieren. Zahlreiche interne Dokumente sowie die Aussagen mehrerer Insider belegen, wie der Kleinwaffenhersteller Sig Sauer aus dem schleswig-holsteinischen Eckernförde geltende Vorschriften umgangen haben soll - und dies offenbar mit Wissen seiner obersten Führungsriege.

Sig Sauer soll demnach Tausende Pistolen vom Typ 2022 über den Umweg USA nach Kolumbien geliefert haben, obwohl dafür keine Genehmigung vom zuständigen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) vorlag. Sig Sauer wies die Vorwürfe am Mittwoch zurück. Man sehe kein Fehlverhalten.

Laut internen Firmenunterlagen lieferte Sig Sauer die Pistolen an eine amerikanische Schwesterfirma. Die Waffen seien für den zivilen Markt in den USA, hieß es auf entsprechenden Exportdokumenten. Dabei dürfte dem Unternehmen spätestens seit Herbst 2010 bekannt gewesen sein, dass die Waffen an die kolumbianische Polizei weitergeleitet wurden. Das Kolumbien-Geschäft lief dennoch zunächst weiter.

Ein Konzernanwalt warnte den Unterlagen zufolge sogar intern, dass dieses Vorgehen "strengstens verboten" sei. Die Exportbeauftragte des Unternehmens schrieb in einem Memo, sie fürchte "harte Strafen".

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Sig Sauer kannte die Problematik wohl

SZ und NDR hatten bereits im Mai über die Sig-Sauer-Lieferungen nach Kolumbien berichtet. Seither prüft die Staatsanwaltschaft Kiel die Vorwürfe, die Exportkontrolleure von der Bafa haben den Fall zudem an das Zollkriminalamt übergeben. Die Ermittler standen bislang vor dem Problem, Sig Sauer Deutschland nicht nachweisen zu können, dass die Firma wusste, wohin die Waffen gingen. Die internen Dokumente zeigen nun, dass in Eckernförde bekannt war, für wen die Schusswaffen tatsächlich bestimmt waren: Empfänger sei ein "Kunde in Kolumbien".

Da auf den Exportdokumenten jedoch behauptet wurde, die Lieferungen würden in den USA verbleiben, hätte Sig Sauer demnach falsche Angaben gemacht. Die Exportgenehmigung wäre mutmaßlich unwirksam, die Lieferung wohl illegal. Künftig will Sig Sauer die Pistolen für den Export offenbar bei seiner Konzernschwester im US-Bundesstaat New Hampshire bauen lassen. Wie das Internetportal shz.de am Mittwoch berichtete, sollen aus Eckernförde von 2015 an nur noch Waffen für den heimischen Markt kommen.

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Auch gegen die Sig-Sauer-Konkurrenten Heckler&Koch und Carl Walther ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft. Sie sollen unerlaubterweise Waffen nach Mexiko und Kolumbien geschickt haben. Damit stehen die drei größten deutschen Kleinwaffenhersteller in der Kritik - und auch das bislang gängige Verfahren der Rüstungsexportkontrolle. Das Wirtschaftsministerium arbeitet an einer Reform. Anders als bisher soll künftig stichprobenartig überprüft werden, ob deutsche Waffen auch nach einiger Zeit noch dort sind, wo sie laut Exportgenehmigung hingeliefert wurden.

Lesen Sie eine ausführliche Reportage über die Vorgänge zwischen Eckernförde und Kolumbien auf der Seite drei der Donnerstagsausgabe der Süddeutschen Zeitung. Das NDR-Politmagazin "Panorama" berichtet an diesem Donnerstag, 3. Juli 2014, um 21:45 Uhr in der ARD über die dubiosen Waffengeschäfte von Sig Sauer.