Vorwurf der Vetternwirtschaft US-Börsenaufsicht ermittelt gegen JP Morgan

Guter Draht zur politischen Elite: Die US-Investmentbank JP Morgan hat in China die Kinder einflussreicher Staatsbeamter eingestellt. Jetzt ermittelt die Börsenaufsicht wegen Vetternwirtschaft. Die juristischen Verfahren gegen die Bank häufen sich derart, dass schon Verschwörungstheorien kursieren.

Von Tim Devaney und Harald Freiberger

Er heißt Tang Xiaoning und ist ein höherer Sohn, sie heißt Zhang Xixi und ist eine höhere Tochter. Außerdem haben sie gemeinsam, dass sie gute Jobs beim chinesischen Ableger der US-Investmentbank JP Morgan bekommen haben. Und beide sind mit verantwortlich dafür, dass das Institut gerade in größeren Schwierigkeiten steckt, wieder einmal.

Die amerikanische Börsenaufsicht SEC hat Ermittlungen gegen JP Morgan aufgenommen, eine der traditionsreichsten Investmentbanken des Landes, die außerdem vergleichsweise gut durch die Finanzkrise gekommen ist. Seit gut einem Jahr aber ist die Erfolgssträhne abgerissen, ein juristisches Scharmützel folgt auf das nächste. Bei der jüngsten Untersuchung der SEC, die die New York Times aufdeckte, geht es kurz zusammengefasst um den Verdacht der Vetternwirtschaft. JP Morgan soll den höheren Sohn und die höhere Tochter nur eingestellt haben, um an lukrative Aufträge von ihren Vätern zu kommen.

Der Vater von Tang Xiaoning heißt Tang Shuangning, ist 58 Jahre alt und Chef der China Everbright Bank, einem der großen staatlichen Kreditinstitute. Ein bestens vernetzter kommunistischer Staatsbeamter, der seine Karriere bei einem regionalen Förderinstitut begann und in China über Jahre auch schon für Bankenaufsicht zuständig war. Der Einfluss des Vaters ist jedenfalls so groß, dass er durch Heben seines Daumens über schwere Aufträge und Investitionen entscheiden kann. Das soll auch passiert sein - zu Gunsten von JP Morgan, nachdem JP Morgan den Sohn eingestellt hatte. Unter anderem ging es um das lukrative Beratungsmandat bei einer Aktienplatzierung.

Ein enger Kontakt zur politischen Elite ist in China wichtig

Ähnlich verhält es sich beim Vater von Zhang Xixi: Er war ein einflussreicher Angestellter bei einer Firma, die das staatliche Eisenbahnnetz ausbaut. JP Morgan soll das Mandat beim Börsengang dieses Unternehmens erhalten haben.

Ganz ungewöhnlich ist ein solches Geschäftsgebaren in China nicht. Gerade für ausländische Unternehmen ist ein enger Kontakt zur politischen Elite wichtig. Schon um die Jahrtausendwende, bei der großen Privatisierungswelle in China, stellten Wall-Street-Banken vermehrt gut vernetzte einheimische Mitarbeiter ein, um an Mandate für milliardenschwere Börsengänge staatlicher Konzerne heranzukommen. Es gab sogar einen eigenen Slogan dafür: "die Elefanten-Jagd".

Neu ist auch nicht, dass die Söhne und Töchter hoher chinesischer Staatsbeamter bei ausländischen Konzernen unterkommen. Neu ist aber, dass solche Beziehungen von Aufsehern kritisch beäugt werden. Es läuft unter dem Oberbegriff "Korruptionsbekämpfung", schließlich könnte der Sohn oder die Tochter ja nur mit der Absicht eingestellt worden sein, dadurch an Aufträge heranzukommen. Allerdings ist der Beweis schwerer zu führen, als wenn direkt Geld aus schwarzen Unternehmenskassen geflossen wäre.

Auffällig ist, dass die juristischen Verfahren gerade gegen JP Morgan überhand nehmen. Erst in der vergangenen Woche klagte die Staatsanwaltschaft in Manhattan zwei Ex-Mitarbeiter der Investmentbank in London an. Sie sollen in den Handelsskandal um den "Wal von London" verwickelt sein. Der Fall wurde im April 2012 aufgedeckt. Riskante Derivate-Geschäfte bescherten der Bank damals horrende Verluste von 6,2 Milliarden Dollar. Der Wal selbst geht straffrei aus, weil er mit den Behörden kooperiert, nicht jedoch seine beiden Mitarbeiter. Sie sollen Zahlen frisiert haben, um den Skandal zu vertuschen. Beide leben in Spanien und Frankreich, die Staatsanwaltschaft beantragt ihre Auslieferung. Ihnen drohen 25 Jahre Haft.

Beobachter vermuten eine gezielte Aktion gegen die Bank

Alles in allem ist JP Morgan derzeit in sechs Verfahren verstrickt. So mischte die Bank auch auf dem Rohstoffmarkt mit. Die US-Behörden ermitteln wegen angeblich überhöhter Preise für Aluminium. Einige Verfahren gehen noch auf die Zeit vor dem Jahr 2007 zurück, als JP Morgan wie andere Investmentbanken auch massenhaft verbriefte minderwertige US-Immobilienkredite verkaufte - jene Papiere, die die Finanzkrise auslösten.

Experten taxieren die gesamten Rechtsrisiken von JP Morgan auf 6,8 Milliarden Dollar, so hoch wie bei keinem anderen amerikanischen Kreditinstitut. Die Aktie fiel in der vergangenen Woche um mehr als fünf Prozent. Die Angriffe gegen die Bank treten derzeit in solcher Häufung auf, dass Beobachter dahinter schon eine gezielte Aktion vermuten. "Ich glaube, dass die US-Regierung sich die Priorität gesetzt hat, dieses Unternehmen zu zerbrechen", sagt Richard X. Bove, ein bekannter Banken-Analyst von Raffery Capital Markets. "Jede ihrer Aktionen in den vergangenen Jahren war auf dieses Ziel ausgerichtet."

Bove findet es komisch, dass die US-Börsenaufsicht SEC eine Untersuchung wegen angeblicher Vetternwirtschaft einleitet. "Es ist nicht illegal für ein Unternehmen, das Kind eines prominenten Offiziellen einzustellen", sagt der Analyst, zumal diese häufig auch am besten ausgebildet seien. Bove selbst könne sich an unzählige Kinder von Prominenten erinnern, die er in seiner 47 Jahre langen Karriere ausgebildet habe. Wenn die SEC es mit dem Delikt ernst meine, müsste sie gegen Tausende US-Unternehmen vorgehen - und diese könnten künftig häufig nicht mehr die am besten ausgebildeten Leute einstellen.

"Jeder weiß, dass die SEC das nicht tun wird", sagt der Analyst. Er folgert daraus: "Der SEC, die offensichtlich Order von oben hat, geht es nur darum, JP Morgan zu attackieren."