Verspätete Lieferung von ICE-Zügen Eine halbe Milliarde Euro auf dem Abstellgleis

Als sogenannter Mehrsystemzug kann der Velaro D von Siemens in Deutschland, Frankreich, Belgien und der Schweiz fahren

(Foto: Siemens AG)

In der Nähe von Mönchengladbach stehen die neuen ICE-Züge, die Siemens für die Deutsche Bahn gebaut hat. Wert: 530 Millionen Euro. Produktiv genutzt werden die wertvollen Züge allerdings nicht - bis sie wirklich über die Gleise fahren, kann es noch dauern.

Von Caspar Busse und Daniela Kuhr, Berlin

Vor ein paar Wochen hat sich Roland Busch, 48, mal wieder im fernen Nordrhein-Westfalen seinen Schatz angeschaut. Der Siemens-Vorstand aus München war in Wegberg-Wildenrath in der Nähe von Mönchengladbach, dort unterhält der Siemens-Konzern ein Prüf- und Testcenter. Dort stehen auch die neuen, strahlend weißen ICE-Züge aus dem Werk in Krefeld-Uerdingen mit dem roten Streifen vom Typ Velaro D. Alle 16 zusammen haben einen Wert von 530 Millionen Euro, eigentlich sollten sie schon längst für die Deutsche Bahn kreuz und quer durch Deutschland fahren.

Doch das tun sie nicht. Denn es gab technische Probleme, vor allem mit der Steuerungssoftware. Ende vergangenen Jahres musste Siemens mitteilen, dass sich die Auslieferung verzögert. Das hat zu großem Ärger bei der Deutschen Bahn und bei deren Passagieren geführt. Peinlich war die Sache auch für Siemens, hatte doch Konzernchef Peter Löscher seinem Kollegen Rüdiger Grube von der Deutschen Bahn pünktliche Lieferung versprochen.

Nun muss sich Grube auf weitere Verzögerungen einstellen. "Ende Juli werden wir bei den neuen ICE-Zügen so weit sein, dass der Zulassungsprozess durch das Eisenbahnbundesamt beginnen kann", sagte Busch der Süddeutschen Zeitung, und fügt an: "Das kann erfahrungsgemäß zwischen vier und 18 Monaten dauern. Das liegt dann nicht mehr in unserem Ermessen." Die Folge: Die neuen ICE-Züge werden wohl auch im nächsten Winter der Deutschen Bahn nicht zur Verfügung stehen. Das ist bitter, da Grube diese dringend benötigt, um Engpässe gerade in der kalten Jahreszeit abzufangen.

2900 Änderungen der Normen in fünf Jahren

Siemens arbeitet nach eigenen Angaben seit Jahresanfang mit Hochdruck daran, die Probleme zu beheben. Doch offenbar tauchen immer wieder neue Schwierigkeiten und neue Anforderungen des Eisenbahnbundesamts (kurz: EBA) auf. "Die wechselnden Anforderungen an die Zugtechnik sind für uns wie das Schießen auf bewegliche Zielscheiben", sagte Busch. Seit Auftragsvergabe für den neuen ICE vor fünf Jahren habe es 2900 Änderungen bei Normen und Standards gegeben, davon hatten etwa 230 zu technischen Anpassungen geführt. Um der Bahn entgegen zu kommen, hatte Siemens bereits die Lieferung eines kostenlosen 17. Zuges versprochen. Bei Siemens weist man die Verantwortung von sich und betont, dass mehr als 270 Siemens-Hochgeschwindigkeitszüge gleicher Bauart schon seit längerem in China, Russland und Spanien fahren, ohne Probleme und mit Zulassung.

Damit nicht genug: Auch bei einem weiteren Prestigeprojekt, dem Eurostar, der unter dem Ärmelkanal Großbritannien mit dem Festland verbindet, gibt es nun Probleme. Der Zug soll durch vier europäische Länder fahren: Großbritannien, Frankreich, die Niederlande, Belgien - und durch den Kanaltunnel. Die Systeme an Bord müssen auch in der Lage sein, bei Grenzüberfahrt mit hoher Geschwindigkeit nahtlos von einer Signaltechnik auf die nächste umzuschalten. Es seien zudem sechs eigene Zulassungen notwendig, erklärte Busch: "Die europäischen Zugsicherungssysteme sind wie ein alter Flickenteppich, aus dem wir als Hersteller einen glatten Perser machen sollen."

Zwar können die Eurostar-Züge, die wie der neue ICE zur Baureihe Velaro gehören, voraussichtlich im Laufe des Jahres 2015 in Betrieb gehen. Genaue Liefertermine will Busch jedoch nicht mehr nennen. Die Eurostar-Muttergesellschaft, die staatliche französische Bahnfirma SNCF, wird das schmerzen. Im Herbst hatte SNCF-Chef Guillaume Pepy noch gescherzt: "Ich bin sicher, dass Siemens unsere Züge rechtzeitig liefern wird." Siemens hatte Alstom den Prestigeauftrag abgenommen.

Busch ärgert das alles. Er ist Chef der neuen Siemens-Sparte Infrastructure & Cities, zu der unter anderem das Bahngeschäft gehört. Diese wurde im Herbst 2011 gebildet, um die Chancen auf dem "Wachstumsmarkt Städte" zu verbessern. Nun gilt der Bereich mit 17,6 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 80 000 Mitarbeitern schon als Resterampe. Die Rendite ist weit unter der Zielgröße von acht bis zwölf Prozent. Im abgelaufenen Quartal - die Zahlen werde nächste Woche veröffentlicht - gibt es erneut wegen der Zugprojekte hohe Sonderbelastungen, mehr noch als die 116 Millionen Euro aus dem Vorquartal. Die Rendite wird also weiter sinken - und die ICE-Züge stehen vorerst weiter in Wildenrath.