USA: Tea Party Hayeks wilde Schüler

Angst vor dem Weg in die Knechtschaft: Die rechte Tea-Party-Bewegung in den USA bezieht viele ihrer Ideen aus der österreichischen Schule der Nationalökonomie.

Von Nikolaus Piper

Immer wenn Glenn Beck auf dem Bildschirm erscheint, geht es um den Endkampf zwischen Gut und Böse. "Wir stehen an einer Wegscheide", sagt der rechte Moderator zu Beginn seiner Show im Fernsehsender Fox News. "Wie damals in Europa 1945." Dann zeigt er düstere Bilder aus dem kriegszerstörten Europa, zerbombte Städte, ausgemergelte Menschen in Konzentrationslagern, Aufmärsche. Das alles sei hochaktuell, sagt Beck. Wie damals gehe es heute um Freiheit oder Diktatur, um freies Unternehmertum oder Sozialismus. Dann hält Beck ein dünnes Buch in die Kamera: "Der Weg zur Knechtschaft" des österreichischen Ökonomen Friedrich August von Hayek. In diesem Buch könne man lernen, dass Planwirtschaft in die Despotie führt. Und das sei heute aktueller denn je.

Eine Tea-Party-Unterstützerin bei einer Veranstaltung in Beverly Hills. Einige Anhänger der rechten Bewegung haben sich Ökonomen wie Friedrich August von Hayek zum Vorbild genommen.

(Foto: AFP)

Der 46-Jährige ist ein begnadeter Demagoge und einer der Antreiber der konservativen Tea-Party-Bewegung in den USA. Und die Episode mit Hayeks Buch zeigt einen in Europa kaum beachteten Aspekt des konservativen Aufstands gegen Barack Obama: Die Tea-Party und ihre Unterstützer in den konservativen Kampfmedien beziehen ihre Ideen zu einem wesentlichen Teil aus den Wirtschaftswissenschaften, genauer: aus der österreichischen Schule der Nationalökonomie. Hayeks Buch "Der Weg zur Knechtschaft" ist, dank Glenn Beck, in Amerikas Bestsellerlisten zurückgekehrt. An diesem Freitag erreichte es auf der Verkaufsliste von Amazon Rang 58 - äußerst ungewöhnlich für ein Sachbuch, das vor 76 Jahren erstmals erschienen ist.

Starke Wirkung in Europa

Tatsächlich ist das Buch eines der wichtigsten Werke für die Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts. Hayek schrieb es 1944 in der Emigration in London. Seine Kernaussage: Sozialismus und Nationalsozialismus sind wesensverwandt, Planwirtschaft, ob sie nun von Nazis, Kommunisten oder Sozialisten betrieben wird, führt in die Despotie, nur Marktwirtschaft ist mit Freiheit vereinbar. Das Buch hatte in Westeuropa eine ungeheure Wirkung, es ermutigte zum Beispiel Ludwig Erhard, den Vater des westdeutschen Wirtschaftswunders, beim Wiederaufbau auf den Markt und nicht den Staat zu setzen. Hayeks wichtigste These allerdings, dass selbst kleine Staatseingriffe in den Markt auf den "Weg zur Knechtschaft" führen, wurde durch die Geschichte widerlegt. Die Sozialstaaten westeuropäischer Prägung sind überhaupt nicht in Hayeks Sinne, sie erwiesen sich oft als ineffizient und teuer, sie haben aber zu keiner Zeit die Freiheit bedroht. Im Gegenteil: Sie waren das attraktive Gegenmodell zum realen Sozialismus im Osten.

Doch genau der Alarmismus an Hayeks Buch macht heute dessen Reiz für die Tea-Party-Leute aus. Sie übersteigern ihn ins Groteske: Der Ökonom scheint zu beweisen, dass Obamas Gesundheitsreform, sein Konjunkturprogramm oder seine Umweltpolitik direkt in den Kommunismus führen.

Deshalb finden sich auf Kundgebungen Plakate, in denen Obama mit Hitler und Lenin gleichgesetzt wird. Im Internet gibt es Seminare zu Hayeks Buch; Rand Paul, der mit Unterstützung der Tea-Party Senator von Kentucky werden möchte, ist glühender Anhänger des Ökonomen und viele konservative Protestierer tragen Plaketten mit der Aufschrift "End the Fed" - sie wollen die Notenbank abschaffen, wie Hayek dies einst gefordert hatte. Wenn jemand heute in den USA sagt, er habe eine "österreichische Perspektive", dann bedeutet es nicht etwa, dass er die Interessen der Republik Österreich vertritt, sondern dass er Anhänger der österreichischen Schule der Nationalökonomie ist.

Und das bedarf der Erklärung. Begründet wurde diese Schule in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von den Ökonomen Carl Menger und Eugen von Böhm-Bawerk. Ihre wichtigsten Merkmale sind Subjektivismus und methodologischer Individualismus: Alle ökonomischen Theorien müssen sich danach vom Individuum und dessen Entscheidungen ableiten. Viele Gedanken der Österreicher sind längst zum Allgemeingut der Wirtschaftswissenschaften geworden.

Populärster Vertreter ist Joseph Schumpeter, dessen Wendung von der "schöpferischen Zerstörung" im Kapitalismus auch von Menschen zitiert wird, die sich sonst nicht mit Ökonomie befassen. Folgenreich waren die Debatten der Österreicher um den Sozialismus. Hayek und sein Mentor Ludwig von Mises wiesen im Streit mit dem marxistischen Ökonomen Oscar Lange nach, dass eine zentrale Planwirtschaft nicht funktionieren kann, weil die Planbehörde aus systematischen Gründen nie über die relevanten Informationen verfügt. Später wurde Hayek der intellektuelle Gegenspieler des Reformökonomen John Maynard Keynes. Für seine Konjunkturtheorie erhielt er 1974 den Wirtschaftsnobelpreis.

Koch gegen Obama

Sowohl Hayek als auch Mises wirkten nach dem Krieg in den USA. Mises floh 1940 vor den Nazis und erhielt eine Professur an der New York University. Hayek ging 1950 an die Universität Chicago. Bereits 1946 popularisierte der Ökonom Henry Hazlitt die Lehren der österreichischen Schule in seinem Beststeller "Economics in one Lesson". Es dauerte danach noch drei Jahrzehnte, bis die Ideen der Österreicher in Amerika allmählich akzeptiert wurden. Besonders beeinflusst durch Hayek und Mises wurde die Bewegung der "Libertären". Diese schillernde Strömung reicht von Altliberalen, die den Staat auf die Sicherung von Gesetz und Ordnung reduzieren wollen, bis zu radikal-kapitalistischen Anarchisten, die ihn ganz abschaffen wollen. Der Einfluss der Libertären auf die Tea-Party ist nicht zu unterschätzen. Die Reporterin Kate Zernike von der New York Times schreibt in dem Buch "Boiling Mad", die Proteste gegen Obama würden zwar meist von älteren, weißen Männern getragen, die treibende Kraft im Hintergrund seien aber oft libertäre Intellektuelle.

Eine der wichtigsten Organisationen hinter der Tea-Party ist "Freedom Works", eine konservative Interessengruppe, sie sich vor allem für niedrigere Steuern einsetzt. Finanziert wird sie von dem rechtskonservativen Ölunternehmer David Koch. Er und sein Bruder Charles unterstützen auch sonst viele Kampagnen gegen Projekte von Obama, besonders gegen Umweltgesetze. Direktor von "Freedom Works" ist der Ökonom Matt Kibbe, der seine Blogs oft mit Zeilen überschreibt wie "Was würde Mises heute tun?" oder: "Weshalb (US-Finanzminister Timothy) Geithner Mises lesen sollte". Kibbe kommt von der George-Mason-Universität, einer Hochburg der Erben der österreichischen Schule. Dort lehrt auch Russell Roberts, ein Ökonom, der in diesem Frühjahr mit einem Internet-Video Furore machte, in dem Keynes und Hayek ihre Ansichten als Rapper austauschen, wobei Hayek gewinnt ("Fear the Boom and Bust").

Intellektuell anspruchsvoller als "Freedom Works", aber nicht minder libertär ist das Cato Institute in Washington. Es wurde 1977 von dem Ökonomen Murray Rothbard, einem Schüler Mises' und anderen Rechtsintellektuellen gegründet. In seinem Verwaltungsrat sitzt ebenfalls David Koch. Anders als andere rechte Institute gilt Cato auch unter Mainstream-Medien und Wissenschaftlern als seriöse Quelle. Cato kritisierte unter anderem die Einschränkung individueller Freiheiten nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

Sehr viel extremer ist das Ludwig von Mises Institute, eine Gründung von Murray Rothbard und der Witwe des Ökonomen, Margit von Mises. Es nähert sich heute den Positionen des Anarchokapitalismus. So wird auf der Website ein Test angeboten unter der Überschrift "Sind Sie Österreicher?" Auf die Frage nach der Rolle des Staates lautet die korrekte Antwort: "Idealerweise beschränkt sich die Regierung auf den Schutz von Rechten". Selbst für öffentliche Sicherheit könnten Privatfirmen besser sorgen.

Am Rande des politischen Spektrums der Vereinigten Staaten gibt es noch eine "Libertäre Partei". Sie hat zwar noch nie eine nationale Wahl gewonnen, stellt aber nach eigenen Angaben derzeit 146 gewählte Abgeordnete auf Gemeindeebene. Auf dem Programm der 1971 gegründeten Gruppe standen schon Forderungen wie die nach Abschaffung der Rentenversicherung, der Einkommensteuer, der Waffengesetze und des FBI. Der konservative Publizist William Buckley bezeichnete diese Positionen als "Anarcho- Totalitarismus" - eine groteske Wendung angesichts der Tatsache, dass Hayek und Mises einst angetreten waren, die totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts zu bekämpfen.