Unternehmensgründungen Warum Chile das innovativste Land der Welt ist

In keinem anderen Land sind Unternehmer ehrgeiziger als in Chile. Und das, obwohl das Land viele Jahre so gut wie nur vom Bergbau lebte. Das Rezept für den Erfolg ist eigentlich ganz einfach. Und doch kommen viele andere Länder nicht hinterher.

Von Elisabeth Dostert

Fernando Fischmann hatte einen Traum. Das ist schon eine Weile her, 15 Jahre. Er träumte von einer Ferienanlage mit einer gewaltigen künstlichen Lagune. Natürlich gab es so genannte Experten, die das Projekt für nicht machbar hielten. Aber solche Bedenkenträger können einen Mann wie Fischmann nicht aufhalten. Mit seinem wahr gewordenen Traum - dem größten Swimmingpool der Welt - brachte er es 2007 ins Guinness Buch der Rekorde.

Die acht Hektar große Lagune gehört zum chilenischen Ferienressort San Alfonso del Mar. Sie zieht sich fast einen Kilometer entlang der Küste, an manchen Stellen ist der Pool fast drei Meter tief, er fasst rund 250 000 Kubikmeter Wasser - mehr als die Ladung von sechs Tanklastern. Gespeist wird die Lagune mit Wasser aus dem Pazifik. Darin besteht die eigentliche Kunst von Fischmann und seiner Firma Crystal Lagoons Corp: Er hat ein Verfahren entwickelt, Wasser in großen Mengen und zu niedrigen Kosten aufzubereiten. Dank Männern wie Fischmann ist Chile das innovativste und unternehmerisch eifrigste Land der Welt. Da kann nur Kolumbien mithalten. Deutschland ist weit abgeschlagen.

Chile und Kolumbien sind sogenannte "Alleskönner"

Zu diesem Ergebnis kommen jedenfalls das World Economic Forum und Global Entrepreneurship Monitor in einer Studie, für die sie Daten der jeweils eigenen Untersuchungen für 44 Länder in neue Relationen gesetzt haben. Die Studie "Leveraging Entrepreneurial Ambition and Innovation" untersuche den Zusammenhang zwischen Unternehmertum und Wettbewerbskraft aus neuer Perspektive, schreiben sie. Im Allgemeinen sei das Gründungsgeschehen in weniger wettbewerbsfähigen Volkswirtschaften höher als in wettbewerbsstarken. Umgekehrt ist in wettbewerbsstarken der Anteil ehrgeiziger und innovativer Unternehmer oft höher als in schwächeren Staaten. Als ehrgeizig gilt, wer binnen fünf Jahren mehr als 20 Jobs schaffen will. Chile und Kolumbien, deshalb sind sie die Spitzenreiter, sind sogenannte "Alleskönner": Das Gründungsgeschehen und der Anteil ehrgeiziger und innovativer Unternehmer ist hoch, dank Männern wie Fischmann. Gemessen an der Größe des Landes ist Chile eines der dynamischsten, unternehmerischsten Ökosysteme der Welt.

Wie hat das Chile geschafft, ein Land, das Jahrzehnte lang vom Bergbau und Produkten mit niedriger Wertschöpfung lebte? Der Wandel setzte im vergangenen Jahrzehnt ein mit Initiativen wie Start-Up Chile. Mit einem Arbeitsvisum und einem staatlichen Startkapital von 40 000 Dollar lockt die Regierung seit 2010 Talente aus aller Welt in das Land. Mittlerweile sind es mehr als Tausend Gründer. "Statt durch Revolution, können wir die Welt durch Innovation verändern", sagt der frühere Wirtschaftsminister Chiles, Juan Andrés Fontaine. Die Studie bestätigt die Strategie.

Deutschland schafft es, wie die allermeisten EU-Staaten, aber auch Russland und die Schweiz, nur in die schwächste Gruppe, die laut Studie "neutralen Staaten". Das Gründungsgeschehen sei mäßig, der Anteil ehrgeiziger, innovativer Unternehmer auch. China beispielsweise landet in der Gruppe der überaus Ehrgeizigen: Gründungsgeschehen und Innovationskraft nur Mittelmaß, aber wenigstens entstehen viele Arbeitsplätze.

"Es gibt kein Patentrezept"

Was können Länder wie Deutschland von Chile lernen? Nicht viel. "Es gibt kein Patentrezept", so die Autoren der Studie. Jedes Land muss seine eigene Strategie entwickeln, um Unternehmen zu stärken.

Ein bisschen stolz können die Deutschen trotz ihrer schlechten Platzierung sein. Fischmann ist der Enkel deutscher Auswanderer. Seine Großeltern kamen 1930 nach Chile. Die Familie betrieb ein Restaurant. Fischmann hat Biochemie studiert, aber er habe nie als Wissenschaftler arbeiten wollen, erzählte er in einem Interview der BBC: "Ich war bloß neugierig, wie die Natur funktioniert. Ich wollte Unternehmer sein, schon immer." So kam er ins Immobiliengeschäft. Fischmann macht inzwischen mehr als künstliche Lagunen. Er entwickelt neue, industrielle Verfahren, etwa geschlossene Wasserkreisläufe, um Kraftwerke zu kühlen, Aquakulturen oder unterirdische Bewässerungssysteme für Dürregebiete.