Unsichere Konjunkturprognosen Weltwirtschaft im Dämmerlicht

Das zeigt das Dilemma aller Punktprognosen im Verlauf von Schuldenkrisen: In Zeiten großer Ungewissheit über den politischen Kurs sind sie nahezu nutzlos. "It's politics, stupid" ließe sich in Abwandlung eines Slogans sagen, mit dem Bill Clinton 1992 die US-Präsidentschaftswahlen gewann: "It's the economy, stupid", schrieb ihm damals sein Stratege James Carville auf. Heute bestimmt nicht die Wirtschaft die Politik. Heute ist es umgekehrt.

Oder, wie Joachim Fels, der Chefvolkswirt von Morgan Stanley, glaubt: Die erhöhte politische Unsicherheit der Industrieländer und die zähe Suche vieler Schwellenländer nach einem neuen Wachstumsmotor belasten die globale Konjunktur. Die Weltwirtschaft sei "im Zwielicht versunken", in einer neblig-grauen Zone. "Es ist unklar, ob es die Dämmerung ist zwischen anbrechendem Tag und Sonnenaufgang oder die Dämmerung zwischen Sonnenuntergang und Nacht."

Zwielicht, Tag oder Nacht? Auch Fels weiß nicht, was uns im kommenden Jahr erwartet. Also macht er nicht eine Prognose, sondern drei. Am wahrscheinlichsten sei es, dass die Weltwirtschaft im Halbdunkel bleibt und gerade noch um drei Prozent wächst, so viel wie dieses Jahr und deutlich weniger als im langfristigen Durchschnitt (3,7 Prozent). Das setzt voraus, dass die USA die Haushaltsklippe umschiffen und deutlich weniger sparen wird, dass die EZB ihren Leitzins bald senkt und im ersten Quartal 2013 spanische Staatsanleihen kauft, um die Renditen zu drücken. Banken- und Fiskalunion machen kleine Fortschritte, Griechenland bleibt im Euro.

Die Politiker müssen sich einen Ruck geben

Wenn das nicht klappt, dann wird es Nacht: Sollten die USA die Fiskalklippe nicht überwinden, die EZB weder die Zinsen kappen noch erfolgreich Anleihen kriselnder Euro-Staaten aufkaufen, dann droht auf beiden Seiten des Atlantiks eine Rezession. Die angeschlagenen Länder der Währungsunion müssen dann noch mehr sparen, um die gesetzten Haushaltsziele zu erreichen, was die Talfahrt nur beschleunigt. In der Euro-Zone dürfte die Wirtschaft dann 2013 um 1,4 Prozent schrumpfen, weltweit um zwei Prozent wachsen.

Aber auch für Konjunkturszenarien gilt: je schwärzer die Nacht, desto schöner der Tag. Fällt das Grauen aus und halten die Politiker Kurs auf Wachstum, dann könne die Weltwirtschaft 2013 um stolze vier Prozent zulegen, rechnet Morgan Stanley vor. Dazu müssten Republikaner und Demokraten sämtliche automatischen Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen stoppen und sich auf einen moderaten Konsolidierungskurs verpflichten. Gleichzeitig verständigen sich die europäischen Regierungschefs auf eine Bankenunion und ebnen den Weg Richtung Fiskalunion; die EZB hilft mit ermäßigten Zinsen; vor allem sie kauft im großen Stile Schuldpapiere wankender Euro-Staaten, damit diese sich günstig finanzieren können. Dann könnte die Euro-Zone 2013 eine Rezession knapp vermeiden, 2014 würde die Wirtschaft wieder deutlich wachsen.

Doch so weit ist es (noch) nicht. Die kommenden Monate dürften eher der Nacht gleichen als dem Tag. Nur wenn sich die Politiker einen Ruck geben, dann wird es endlich Tag.