Tierversuche in der Kosmetikbranche Rückzug aus China

In China sind Tierversuche Pflicht. Manche deutsche Hersteller ziehen sich deshalb aus dem Land zurück.

In Europa sind Tierversuche für Kosmetika verboten, in China sind sie Pflicht. Nun zieht der erste deutsche Naturkosmetik-Hersteller die Konsequenzen und verabschiedet sich aus der Volksrepublik. Folgen andere?

Von Christoph Giesen

Ulrich Grieshaber ist überzeugt: Er hat das Richtige getan hat. Er hat beschlossen, die Produkte seines Unternehmens, des Naturkosmetikhersteller Logocos, nicht mehr in China zu verkaufen. Denn er will seine Produkte nicht an Tieren testen lassen, so wie es die Behörden der Volksrepublik verlangen. Wie aber geht es nun mit seinem Unternehmen weiter? 50 Millionen Euro Umsatz macht der niedersächsische Betrieb im Jahr mit Cremes und Pasten, Ölen und Shampoos. Weil Logocos sich von kommender Woche an vom chinesischen Markt komplett zurückzieht, wird "uns am Ende wohl ein zweistelliger Millionenbetrag beim Umsatz fehlen", sagt Grieshaber. Dazu könnten teure Rechtsstreitigkeiten kommen.

Logocos steht vor einem Dilemma, so wie alle deutschen Naturkosmetikhersteller: Sollen sie in China ihre Waren verkaufen und dafür Tierversuche in Kauf nehmen - oder ist ihnen das Öko-Selbstverständnis wichtiger? Fast eine Milliarde Euro setzt die Branche Jahr für Jahr in Deutschland um. Viele wichtige Hersteller kommen aus der Bundesrepublik.

Die deutschen Verbraucher sind zudem sehr umweltbewusst: Gerne zahlen sie ein paar Euro mehr, wenn ein Produkt natürlich hergestellt wurde. Tierversuche lehnen die meisten Kunden ab, zumal die Rechtslage in der Europäischen Union eindeutig ist: Seit März 2013 sind Tierversuche verboten, außerdem besteht ein Importbann für an Tieren getestete Kosmetika.

Cremes im Fell und Shampoo in den Augen

In der Volksrepublik ist das anders: Wer als Hersteller seine kosmetischen Produkte nach China exportieren möchte, muss sogenannte toxikologische Tests nachweisen. In 17 Labors in China werden Kaninchen Cremes ins Fell geschmiert, Ratten bekommen Shampoo ins Auge geträufelt, jedes einzelne Produkt muss getestet werden. Wer keine Registrierung hat, kann seine Produkte in China nicht verkaufen.

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Wie aber gehen die deutschen Unternehmen damit um? Der Hersteller Lavera aus der Nähe von Hannover räumt zwar ein: "Uns ist bekannt, dass die Produkte möglicherweise an Tieren getestet werden, wenn diese im Land eingeführt werden beziehungsweise registriert werden." Zugleich betont eine Sprecherin aber: "Uns ist nicht bekannt, was tatsächlich an Tests vorgenommen wird, da wir kein Hersteller mit Niederlassung in China sind."

Auch beim Würzburger Mitbewerber Kneipp äußert man sich ähnlich. "Wir haben keine konkreten Informationen über Tierversuche mit unseren Produkten in China", sagt eine Sprecherin. Dabei hat Kneipp in der Volksrepublik fast 90 Produkte registrieren lassen. Und die Vorgaben für die chinesischen Labors sind sehr detailliert. 300 Seiten stark ist die Durchführungsvorschrift der zuständigen Behörde, der China Food and Drug Administration.

Etwa 1500 Euro kostet eine Testreihe für die Zulassung von Kosmetika. Üblicherweise organisieren Vermittlungsagenturen die Registrierung. Mei Gräfe ist eine dieser Vermittlerinnen. Mit ihrer Münchener Agentur Intergate berät die gebürtige Chinesin Unternehmen, die ihre Produkte in China vertreiben möchten - die meisten ihrer Geschäftspartner sind Kosmetikhersteller. "Ich weise meine Kunden immer darauf hin, dass ihre Produkte eventuell an Tieren getestet werden, es mag in der Branche ein paar Distributoren in China geben, die behaupten, sie könnten auch ohne Tests ein Produkt in die Volksrepublik bringen", sagt Gräfe. "Entweder verstoßen diese Zwischenhändler gegen die gültigen chinesischen Vorgaben, oder sie schwindeln ihre Kunden an und lassen die Tests trotzdem durchführen."