Tierversuche:Leben und sterben lassen

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Tierversuche

Tierversuche sind in der Gesellschaft sehr umstritten - auch wenn Mäuse weniger Mitleid erregen als zum Beispiel Affen.

(Foto: dpa)

2,9 Millionen Wirbeltiere wurden 2011 in Deutschland im Namen der Forschung benutzt. Die Münchner Universitäten bauen nun neue Versuchszentren, in denen jeweils Zehntausende weitere Tiere gehalten werden können. Dabei halten viele Forscher die medizinischen Experimente für verzichtbar.

Von Sebastian Krass

Es fängt schon beim Begriff an: "Tierversuch", das klingt nach Affen, denen Elektroden ins Gehirn gesteckt werden, oder nach Mäusen, die so gezüchtet sind, dass in ihnen Krebsgeschwüre wachsen. "Tiermodell" hingegen klingt irgendwie abstrakter und damit freundlicher. Deshalb sagt der Mediziner von der Technischen Universität (TU) München zunächst: "Um Krebs besser behandeln zu können, brauchen wir Tiermodelle." Doch das Wort setzt sich nicht durch, auch nicht im Sprachgebrauch der Menschen, die an Tieren forschen. Ein paar Sätze später spricht dann auch der Mann, der für seine Arbeit werben will, von "Tierversuchen", ohne die man "leider" nicht auskomme.

Es tut sich zur Zeit einiges bei der Forschung mit Tieren in München. Das liegt vor allem an zwei großen Neubauten der TU und der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), in denen Tierversuche stattfinden werden: Die TU plant am Klinikum rechts der Isar das so genannte Translatum, die LMU errichtet bereits das Bio-Medical Center (BMC) in Martinsried. Beide Zentren sind so ausgelegt, dass dort jeweils Zehntausende Wirbeltiere gehalten werden können. Sie werden im Namen der Forschung Leiden ertragen müssen - und in den Zentren sterben.

2011 wurde an 2,9 Millionen Wirbeltieren geforscht

"Tierversuchshochburg München: Stoppt Laborneubauten" - mit diesem Slogan kämpft das Bündnis Bayerischer Tierrechtsorganisationen, zu dem etwa der Landesverband des Deutschen Tierschutzbundes und der Verein Ärzte gegen Tierversuche gehören, gegen das BMC und das Translatum. Vor einem Monat gab es eine Demonstration in Haidhausen. Am Bau der Zentren wird das nichts mehr ändern. Doch den Tierversuchsgegnern geht es auch darum zu propagieren, warum diese Art von Forschung aus ihrer Sicht grundsätzlich verboten gehört.

In welchem Ausmaß an Tieren geforscht wird, das macht eine Zahl deutlich: 2,9 Millionen Wirbeltiere seien im Jahr 2011 in Deutschland "für Tierversuche und andere wissenschaftliche Zwecke" eingesetzt worden, meldet das Bundeslandwirtschaftsministerium. Neuere Zahlen gibt es noch nicht. Aber seit es durch die Fortschritte in der Genetik möglich ist, Tiere mit gewissen Merkmalen auszustatten und dann an ihnen zu forschen, steigt die Zahl der Versuchstiere von Jahr zu Jahr.

Die Statistik erfasst Eingriffe von der Blutentnahme über die Organentnahme bis zum Arzneimitteltest. 70 Prozent der Tiere waren Mäuse. Es kommen aber auch Schafe, Hunde und Affen zum Einsatz. Wie viele Tiere im Großraum München verwendet wurden, darüber kann die Regierung von Oberbayern, die Tierversuche beaufsichtigt, nach eigenen Angaben keine Zahlen liefern. Es sind aber nicht nur die Universitäten, die mit Tieren forschen. Das Helmholtz-Zentrum unterhält in Oberschleißheim ein Mäuse-Forschungszentrum, Max-Planck-Institute arbeiten mit Tierversuchen. Und nach Berichten der Tierschützer arbeiten etwa auch die Pharmakonzerne Roche (Penzberg) und Merck (Grafing) in ihren Dependancen in der Region mit Tieren. Die Firmen ließen Anfragen dazu unbeantwortet.

Die Argumentation der Tierversuchsgegner lässt sich in zwei Stränge teilen. Der eine zielt auf die wissenschaftliche Notwendigkeit. "Die Frage ist: Können Tierversuche überhaupt in zufriedenstellendem Maße das leisten, was von ihnen erwartet wird, nämlich die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen?", sagt Roman Kolar. Er ist stellvertretender Leiter der in Neubiberg ansässigen Akademie für Tierschutz, einer Einrichtung des Deutschen Tierschutzbundes. Seine Antwort ist: Nein.

Er verweist auf eine Studie, derzufolge 90 Prozent der Arzneien, die sich im Tierversuch als wirksam erwiesen haben, danach im Test am Menschen durchgefallen seien. Kolar zitiert den Pharmakologen Thomas Hartung von der John-Hopkins-Universität in Baltimore: Der Mensch sei nun einmal keine "70-Kilo-Ratte". Silke Bitz, Sprecherin von Ärzte gegen Tierversuche, ergänzt, dass die Ergebnisse von Tierversuchen sogar oft irreführend seien. Penicillin zum Beispiel sei "für Hamster oder Meerschweinchen schädlich bis tödlich". Auf der anderen Seite gebe es jedes Jahr Zehntausende Tote durch Arzneimittel, die vorher an Tieren getestet wurden.

Den Gegnern zufolge könnte man auf Tierversuche verzichten, wenn nur die Alternativmethoden intensiver genutzt würden. "Man müsste die Ergebnisse aus der Arbeit mit menschlichen Zellen und Biochips kombinieren mit Computersimulationen mit menschlichen Daten", sagt Bitz. "Das wären sinnvolle Methoden, die sich am Menschen orientieren." Kolar sagt, die USA hätten Europa bei der Suche nach Alternativmethoden längst überholt.

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