Tiertransport über 2800 Kilometer in die Türkei Die Tortur

SZ-Grafik; Quelle: Animal Welfare Foundation

Rinder, Schafe und Ziegen werden jedes Jahr zu Zehntausenden in die Türkei verkauft. Kaum jemand interessiert sich dafür, wie sehr die Tiere leiden. Dabei gibt es genaue Vorschriften für Tiertransporte.

Von Silvia Liebrich und Jakob Schulz

Was am schlimmsten ist, kann Iris Baumgärtner nicht sagen. Ist es die sengende Hitze von mehr als 40 Grad, die den Asphalt regelrecht aufweicht? Ist es der beißende Gestank, der aus den Tiertransportern dringt und einem Tränen in die Augen treibt? Am schlimmsten ist wahrscheinlich die eigene Hilflosigkeit, sagt die 51-jährige Tierschützerin, wenn sie die Situation am Grenzübergang Kapikule zwischen Bulgarien und der Türkei beschreibt. "Die Tiere stehen tagelang in ihren Transportern, in brütender Hitze. Sie dürfen nicht raus, sie bekommen oft nichts zu trinken. Und wir als Tierschützer können nichts dagegen tun. Diese Ohnmacht lähmt einen", sagt sie.

Der Grenzübergang Kapikule liegt wenige Hundert Meter entfernt vom Dreiländereck Bulgarien-Türkei-Griechenland, nördlich des Grenzflusses Mariza, den die Griechen Evros nennen. Eine Wüste aus Betonplatten, Kontrollposten und Parkplätzen. Sie markiert die Außengrenzen der Europäischen Union. Dahinter liegt die Türkei, aus Sicht der EU ein sogenanntes Drittland, das jedes Jahr Hunderttausende Rinder, Schafe, Ziegen und andere Tiere aus der EU einführt.

Der Bedarf an Frischfleisch und Zuchttieren wächst stetig. 2015 importierte die Türkei lebende Rinder im Wert von etwa 300 Millionen Euro aus der EU. Allein aus Deutschland kamen nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums Rinder im Wert 47 Millionen Euro. Für 2016 erwartet die EU, dass die Exporte in die Türkei sogar noch weiter ansteigen.

Was für Viehhändler und Exporteure ein äußerst lukratives Geschäft ist, erweist sich für die Tiere oft als Tortur. Das zeigt eine neue umfangreiche Untersuchung der Tierschutzorganisationen Animal Welfare Foundation aus Deutschland sowie Eyes on Animals aus den Niederlanden. Die Aktivisten beobachteten an der türkischen Grenze zwischen 2010 und 2015 fast 500 Transporte aus 13 EU-Mitgliedstaaten und kontrollierten 352 davon. Dabei stellten sie in 70 Prozent der Fälle Verstöße gegen geltendes EU-Recht fest, die meisten davon gravierend.

Laut Vorschrift müssen die Tiere regelmäßig gefüttert und getränkt werden, nach 29 Stunden Fahrt müssen sie für Ruhepausen entladen werden. Auch darf die maximale Temperatur im Transporter die 35-Grad-Grenze nicht überschreiten. Vorgaben, die auf den langen Distanzen nach Erfahrungen von Tierschützern und Lkw-Fahrern oft nicht einzuhalten sind. Knapp 3000 Kilometer legt ein Transporter beispielsweise von Deutschland ins türkische Ankara oder von Italien nach Erzurum weit im Osten des Landes zurück.

Besonders schlimm ist die Lage an der Grenze in den heißen Sommermonaten. Auf Videos haben die Aktivisten die Verstöße dokumentiert. In einem Film sind Kälber zu sehen, die in einem ungarischen Transporter auf drei Etagen zusammengepfercht sind. Seit Stunden steht er in der prallen Sonne. Schatten gibt es nicht, die Tiere schreien und lecken an den Gitterstangen. Eines von ihnen hat den Kopf nach oben gereckt, rollt die Zunge immer wieder rein und raus, ein Zeichen dafür, dass das Tier am Verdursten ist. Doch die Wasserspender des Trucks sind leer.

Manche Szenen haben sich der Tierschützerin Iris Baumgärtner regelrecht eingebrannt, etwa die aus dem Inneren eines polnischen Transporters. In bestialisch stinkendem Matsch aus Stroh, Kot und Urin finden sie und ihre Kollegen völlig erschöpfte Jungbullen. Die Fahrer haben die Tiere aus Lettland abgeholt und sollen sie bis in den Irak fahren. Die türkischen Tierärzte monieren fehlende Papiere, sieben Tage lang steht der Transport schließlich an der Grenze. Die Fahrer sind überfordert, die Tierschützer helfen, die Tiere zu tränken. Mangels Entlademöglichkeit müssen sie die ganze Zeit im Laster bleiben. "Eigentlich hätten wir die Situation eskalieren lassen müssen, dass sich endlich etwas bewegt", erinnert sich Baumgärtner. "Aber wir konnten die Tiere in der Hitze nicht elendiglich verrecken lassen."

Die Tierschutzorganisationen sind vielen solcher Verstöße nachgegangen, sie haben Briefe und Anfragen an Behörden und Ministerien und auch die EU-Kommission geschickt. Die Dokumentation macht deutlich, dass auch die Behörden mit der Genehmigung von Transporten und Kontrollen oft überfordert sind.