Tierquälerei in der Lebensmittelbranche "Fleisch ist kein Pullover"

Fleisch kommt von Lebewesen aus Massentierhaltung - und denen geht es meistens schlecht. Tierschutzbund-Präsident Thomas Schröder plädiert im SZ-Interview für Verzicht. Aber mehr als den Verbraucher sieht er andere in der Pflicht.

Interview: Silvia Liebrich und Viktoria Großmann

Als Präsident des Deutschen Tierschutzbundes führt Thomas Schröder, 47, heftige Debatten. So auch vor kurzem beim Bauerntag in Fürstenfeldbruck. Der Saal, in dem er mit Viehhaltern und Landwirten über die brutalen Seiten der Massentierhaltung diskutiert, ist völlig überfüllt. Es ist eine Runde, in der er mit seiner Forderung nach mehr Tierschutz auf heftigen Widerspruch stößt. Schröder mag solche Termine, sie sind eine Herausforderung. "Ich kämpfe für eine Überzeugung, die ich mit Wissenschaft belegen kann, deshalb macht mich das nicht bange", sagt er.

SZ: Herr Schröder, Dackel und Kätzchen werden gehätschelt, aber die Sau wird nur als Billigkotelett im Supermarkt wahrgenommen. Was läuft da schief?

Schröder: So einiges. Das liegt daran, dass Nutztiere hinter Stallmauern gehalten werden und weitgehend aus unserem Blickfeld verschwunden sind. Wenn aber eine Sau in einem Verschlag gehalten wird, der etwa so groß ist wie ein Bügelbrett, dann tut das dem Tier nicht gut. Trotzdem wird es gemacht, und das wirkt sich auf den Preis aus. Seit Jahren diskutieren wir mit Aldi, Lidl und anderen Händlern, dass man Fleisch eben nicht wie Billigpullover einkaufen kann. Hier geht es um Lebewesen.

Warum setzen Sie sich für Tiere ein?

Das beschäftigt mich seit meiner Kindheit. Ich komme aus dem Gebiet der Wesermarsch in Niedersachsen. Das ist die Gegend mit der größten Dichte an Rindviechern in ganz Deutschland. Ich habe mich schon früh politisch engagiert - und da landet man in dieser Region immer bei der Frage, welcher Stall wird wo und in welcher Größe gebaut.

Essen Sie selbst noch Fleisch?

Ja, aber relativ wenig - und auch nur dann, wenn ich weiß, woher es kommt. Ich habe mich irgendwann gefragt, ob ich tatsächlich jeden Tag Fleisch essen muss und bin zum Ergebnis gekommen: Nein.

Sollten wir alle weniger Fleisch essen?

Sicher. Um gesund zu leben, braucht man nicht jeden Tag Fleisch. Weniger zu essen, ist der einzige Weg, die Tierhaltung zu verändern und das Problem der Welternährung zu lösen. Es darf nicht sein, dass in Südamerika Monokulturen angelegt werden, um Sojafutter für Rinder, Schweine und Hühner in Europa zu beschaffen.

Wie wollen Sie begreiflich machen, dass Verzicht notwendig ist?

Diktieren lässt sich das nicht. Aber mit Aufklärung kann man viel erreichen. Indem man etwa informiert, wie Tiere gehalten und geschlachtet werden und wie weit sie dafür durch die Welt transportiert werden.

Verurteilen Sie die Massentierhaltung grundsätzlich?

Der Begriff Massentierhaltung gefällt mir nicht. Er trifft nicht den Kern der Debatte, die wir führen müssen: Intensivtierhaltung passt besser. An der Menge allein lässt sich Tierschutz nicht festmachen. Fünf Rinder können schlimmer gehalten werden als 20. Das habe ich als Kind gesehen.

Es gibt also keine Obergrenze?

Doch, aber die lässt sich nicht an einer Zahl festmachen. Das hängt von den Rahmenbedingungen ab. Tiere werden gehalten, um sie im industriellen Maßstab zu nutzen - maximaler Ertrag bei möglichst geringem Einsatz. Sie werden so stark ausgebeutet, dass sie leiden und kaum noch allein lebensfähig sind. Zum Beispiel hat eine Kuh früher 20 Jahre lang Milch gegeben. Heute lebt eine Turbomilchkuh im Schnitt nur 4,7 Jahre, bevor sie zum Schlachter kommt.

Sind wir Konsumenten selbst schuld an der Qual der Tiere, weil wir billiges Fleisch und billige Milch kaufen wollen?

Das weise ich entschieden zurück. Die Aussage halte ich für ein Ablenkungsmanöver der Erzeuger. Jeder im System trägt eine Verantwortung, der Landwirt, der die Tiere hält, trägt einen großen Anteil. Dann kommt der Handel mit seiner Werbung, die dem Verbraucher eine heile Welt vorgaukelt, die es gar nicht gibt. Erst dann kommt der Verbraucher, der kaum erkennen kann, was er da kauft.

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