Tarifstreit bei der Deutschen Bahn Total entgleist

Total entgleist: Der Tarifstreit bei der Deutschen Bahn wird zur Schlammschlacht.

(Foto: dpa)

Wenn zwei Kranke ein Kind zeugten, komme dabei "etwas Behindertes" heraus: Die Äußerungen des obersten Lokführer-Gewerkschafters sorgen für Empörung. So wird der Tarifkonflikt bei der Bahn immer mehr zur Schlammschlacht zweier Gewerkschaften.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Alexander Kirchner ist ein Mann der Vernunft, so soll es zumindest wirken. "Ich bleibe dabei, wir sollten uns auf keinen Fall auf das Niveau der GDL begeben", schrieb der Vorsitzende der Eisenbahn-Gewerkschaft EVG am Montag an seine Funktionäre. "Ich möchte nochmals klarstellen, dass ich nichts davon halte, diese Entgleisung unsererseits in eine Kampagne gegen die GDL umzuwandeln." Das werde seinem Kollegen von der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, kurz GDL, nur helfen, "von seinem Fehlverhalten abzulenken".

Das Fehlverhalten ist tatsächlich eine handfeste Entgleisung, eine Woche erst ist sie her. Auf einem Aktionstag der GDL in Fulda zog deren Chef Claus Weselsky über die Konkurrenz von der EVG her, die vor vier Jahren aus dem Zusammenschluss der beiden Bahn-Gewerkschaften Transnet und GDBA entstanden war. Wenn zwei Kranke ein Kind zeugten, komme dabei "etwas Behindertes" heraus, verglich Weselsky - und löste damit einen Sturm der Empörung aus. Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung stellte offen in Frage, "ob jemand mit dieser Geisteshaltung als oberster Repräsentant weiterhin tragbar ist". Weselsky entschuldigte sich zwei Tage später. Er habe "nicht die richtigen Worte gewählt", sagte er knapp. Dies bedaure er.

Öl ins Feuer?

Aber so leicht lassen ihn die Eisenbahner von der EVG nicht vom Haken. Kirchner etwa breitet die Aussagen Weselskys in seinem Brief noch einmal genüsslich aus - um dann großzügig darauf zu verzichten, "strafrechtliche Schritte einzuleiten". Doch noch am selben Tag beklagt er per Pressemitteilung, die Gewerkschaft erhalte nun "zahlreiche E-Mails mit nationalsozialistischen Inhalten" - weil sie Weselskys Äußerungen offen angeprangert habe. Gegen derlei Volksverhetzung müsse die Staatsanwaltschaft einschreiten. Im Übrigen fordere er abermals eine "ehrliche Entschuldigung gegenüber allen behinderten Menschen". Klingt schon fast so, als wolle Kirchner noch Öl ins Feuer gießen.

Am Dienstag legen die EVG-Kollegen in Berlin nach. "Kopfschütteln, Fremdschämen, Entsetzen, Fassungslosigkeit" herrsche, lassen die Kollegen aus der Hauptstadt wissen. "Viele Berliner Bahnerinnen und Bahner befürchten, nach dem Verbal-Skandal von Weselsky in einen Topf mit dem GDL-Boss und seiner 'üblen Gesinnung' geworfen und damit abgestempelt zu werden", sagt der dortige EVG-Chef Klaus Just. Mehr noch: Weselsky habe "jeden menschlichen Urinstinkt eines Gewerkschafters mit Füßen getreten". So geht es eine ganze Weile weiter, das Niveau ist so lala. "Die sind froh, dass sie endlich mal etwas bei uns gefunden haben", sagt eine GDL-Sprecherin. Tarifkonflikt? Darum geht es nur noch am Rande.

Die Schlammschlacht ist nur der jüngste Höhepunkt eines seit Jahren tobenden Kampfes um die Vorherrschaft im Gewerkschaftslager. Sowohl EVG als auch GDL beanspruchen für sich, für das fahrende Personal bei der Bahn zuständig zu sein. So fordert die GDL fünf Prozent mehr Lohn, die Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 39 auf 37 Stunden sowie bessere Schichtpläne - dies aber nicht allein für die 20 000 Lokführer, sondern auch für rund 17 000 Zugbegleiter und Rangierführer. Für die wiederum fühlt sich die EVG zuständig. Sie will für die gesamte Bahn-Belegschaft inklusive Lokführer verhandeln.

"Wortbruch auf ganzer Linie"

Auch der Ton zwischen Lokführern und Bahn verschärft sich. Am Montag hatte die GDL einen Streik angekündigt, der "im Schwerpunkt den Güterverkehr" treffen sollte, weniger dagegen die Fahrgäste. Am Dienstag jedoch frohlockte die Gewerkschaft, sie habe "über 90 Prozent der Güter- und Personenzüge" lahm gelegt. So groß sei "das Frustpotenzial über das Missmanagement der DB". Die Bahn wiederum warf der GDL am Dienstag "Wortbruch auf ganzer Linie" vor, Zehntausende Reisende hätten darunter zu leiden gehabt. "Auf die GDL ist kein Verlass." Übrigens hätten sich kaum Zugbegleiter am Streik beteiligt, schob die Bahn noch nach.

Der Bahn schwebt ohnehin eine andere Lösung vor. Sie möchte die Kontrahenten zu einer "Kooperations-Vereinbarung" bewegen und dann mit beiden Gewerkschaften gemeinsam verhandeln. Das soll etwa verhindern, dass künftig unterschiedliche Tarifverträge für die gleiche Beschäftigtengruppe gelten. Vor allem aber soll es die unselige Konkurrenz zwischen beiden Gewerkschaften beenden. Doch die Zeichen dafür stehen schlecht. Weselsky hat die Kooperation schon abgelehnt - Ziel sei nur, die GDL auszubooten. Und Kirchner will mit Weselsky nicht mehr reden. "Mit Menschen dieser Gesinnung", so schreibt er, "kann ich nicht mehr an einem Tisch sitzen."