Studie zu Erkrankungen von Hartz-IV-Empfängern Arm, arbeitslos, psychisch krank

Neue Zahlen zeigen, wie belastend es sein kann, keine Arbeit zu haben: Mehr als jeder dritte Hartz-IV-Empfänger ist wegen psychischer Störungen in Behandlung. Das belegt eine Studie, die auf Daten von Krankenkassen basiert.

Arbeitslos sein oder einen Job zu haben, bei dem das Einkommen für den Lebensunterhalt nicht reicht. Mit sehr wenig Einkommen auskommen müssen und kostspielige Wünsche seiner Kinder abzulehnen. Zudem Jobcenter und andere Behörden laufend über die eigenen finanziellen Verhältnisse Bericht erstatten, Kontoauszüge liefern, Bescheinigungen beibringen, Bewerbungen vorweisen zu müssen - das ist zweifellos eine psychisch belastende Situation. Und es ist für viele Hartz-IV-Empfänger der Alltag.

Einer neuen Studie zufolge leiden sie signifikant häufiger unter psychischen Erkrankungen als die Durchschnittsbevölkerung. Das haben das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und die Universität Halle-Wittenberg jetzt herausgefunden. Bei mehr als einem Drittel der Hartz-IV-Empfänger sei innerhalb eines Jahres mindestens eine psychische Beeinträchtigung festgestellt worden.

Die Forscher berufen sich dabei auf Daten der Krankenkassen, die etwa die Hälfte der Hartz-IV-Empfänger abdecken. Die Auswertung bezieht sich auf all diejenigen, die unter das Sozialgesetz II fallen und während des Jahres 2009 eine "psychiatrische Diagnose erhalten haben". Zum Vergleich: Aus den Daten der Techniker Krankenkasse für das Jahr 2006 geht zum Beispiel hervor, dass der Anteil unter den Arbeitnehmern mit solchen Diagnosen deutlich niedriger liegt - bei knapp 22 Prozent.

Nur bei wenigen ist die Arbeitsfähigkeit eingeschränkt

"Psychiatrische Diagonse" kann vielerlei heißen, wie Peter Kupka erläutert, der beim IAB für die Studie mitverantwortlich ist. Er weist darauf hin, dass nur ein kleiner Teil jener 37 Prozent derart ernsthaft erkrankt ist, dass die Arbeitsfähigkeit dauerhaft eingeschränkt ist. Oft handle es sich um episodische Erkrankungen, die mit entsprechender Behandlung relativ schnell wieder abklingen. So sei auch der Anteil der häufig schwerwiegenderen schizophrenen Erkrankungen etwa deutlich geringer sei als der Anteil der affektiven Störungen, also der Depressionen und manisch-depressiven Erscheinungsformen.

Die Diagnose einer psychischen Erkrankung, die dann bei den Krankenkassen in den Akten auftaucht, so erläuert Kupka, müsse nicht zwingend von einem Psychiater oder Therapeuten gestellt werden. Auch ein Hausarzt könne sie prinzipiell diagnostizieren, mit dem Risiko, dass es sich möglicherweise nicht um eine gravierende psychiatrisch relevante Störung handle. Andererseits, so Kupka, zeige die bisherige Forschung, dass eher die Gefahr bestehe, dass der Anteil psychischer Erkrankungen im Arbeitsleben unterschätzt werde.

Bundesagentur nicht überrascht

"Für die, die mit Arbeitslosen und unseren Mitarbeitern in den Jobcentern in Kontakt sind, ist der Befund nicht überraschend", sagt Heinrich Alt, der für die Arbeitslosengeld-II-Bezieher zuständige Vorstand der Bundesagentur für Arbeit. Da psychisch beeinträchtigte Arbeitssuchende wegen ihrer Erkrankungen oft schlechtere Jobchancen hätten, bräuchten sie eine intensivere Förderung. "Für die Betroffenen ist es wichtig, dass die Probleme von den Jobcentern erkannt werden", sagt Kupka.

Deshalb will die Bundesagentur das Problem "noch intensiver bearbeiten als bisher", wie Vorstand Alt sagt. In Nordrhein-Westfalen laufe gerade ein Pilotprojekt. Ärzte und Psychologen schulen Mitarbeiter dort darin, psychische Erkrankungen im Gespräch besser zu erkennen, und im richtigen Umgang mit den Betroffenen.