Studie zur Mittelschicht Deutschlands Mitte bröckelt

Weihnachtsmarkt in Berlin: "Schrumpfen der Mittelschicht"

(Foto: dpa)

Vom wachsenden Wohlstand profitiert nur eine Elite. Forscher des Berliner DIW und der Universität Bremen widerlegen die These von der Stabilität der Mittelschicht. Ein weiteres Studienergebnis: Für die Einkommensschwachen ist es schwieriger geworden, nach oben aufzusteigen.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Der frühere Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard versprach "Wohlstand für alle". So hieß der populäre Bestseller des CDU-Politikers, dessen Markenzeichen die Zigarre war. Damals, in den Fünfzigerjahren, glaubten die meisten Bürger an diese Verheißung. Viele konnten sich auch zunehmend mehr leisten.

Heute gilt das so nicht mehr. Eine wachsende Anzahl von Menschen, auch in der Mitte der Gesellschaft, plagen Zukunftsängste. Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und der Universität Bremen zeigt: Diese Sorgen sind berechtigt. "Gemessen an den Reallöhnen, dem realen Haushaltsnettoeinkommen und dem Vermögen hat die Einkommensmittelschicht in Deutschland in den vergangenen Jahren zum Teil deutliche Einbußen erlitten", heißt es in der Untersuchung, die von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegeben wurde.

Weniger Leute halten sich relativ gesehen in der Mittelschicht, die schwarzen Trendlinien bei Unter- und Oberschicht zeigen nach oben. "Eine soziale Durchmischung der gesamten Gesellschaft findet demnach immer weniger statt", schlussfolgern die Forscher. Die Grafik zeigt den Anteil der Personen innerhalb der Schicht, die ihre Einkommensposition über drei Jahre beibehalten, Einkommensposition basierend auf dem Median der bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommen (Vorjahreseinkommen)

(Foto: Bertelsmann Stiftung)

Die Wissenschaftler stellen fest: "Die Ungleichheit beim Einkommen als auch beim Vermögen hat weiter zugenommen." Von den zusätzlichen Wohlstandsgewinnen habe in den vergangenen Jahren nur "eine Elite in der Gesellschaft" profitiert. "Das Versprechen von Ludwig Erhard eines 'Wohlstands für alle' wird damit seit geraumer Zeit in Deutschland nicht mehr so eingelöst wie noch in der langen Phase seit den 1950er-Jahren." Die neue Analyse bestätigt Erkenntnisse, die bereits in der ursprünglichen Fassung des vierten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung enthalten, aber vor allem auf Druck der FDP zum Teil daraus gelöscht oder geglättet worden waren.

Ob die Mittelschicht in Deutschland schrumpft und das Vermögen ungerechter verteilt wird, ist unter Ökonomen umstritten. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft konnte im Sommer in einer Studie kein "besorgniserregendes Schrumpfen der Mittelschicht" entdecken. Die Konrad-Adenauer-Stiftung stellte Anfang der Woche ebenfalls fest: Deutschlands Mitte ist und bleibt stabil.

Die neue Analyse der fünf Autoren, zu denen der DIW-Verteilungsforscher Markus Grabka und der Bremer Soziologieprofessor Olaf Groh-Samberg gehören, trägt den Titel "Mittelschichtsgesellschaft unter Druck?" und kommt zu einem ganz anderen Schluss: Demnach ist die Mittelschicht in Deutschland seit 1997 kleiner geworden und hat im Jahre 2010 "ihren bisherigen Tiefpunkt" erreicht. Ihr Anteil an der Bevölkerung habe sich in diesem Zeitraum von 65 auf 58,5 Prozent oder um 5,5 Millionen auf 47,3 Millionen verringert.

Die Zahlen beruhen auf einer jährlichen Befragung von etwa 20.000 Erwachsenen, bekannt als sozioökonomisches Panel. Als Einkommensmittelschicht wird dabei eine Bevölkerungsgruppe definiert, die über 70 bis 150 Prozent des Einkommens verfügen, das die Bevölkerung in zwei gleich große Hälften teilt. Dieser Median betrug 2010 für einen Einpersonen-Haushalt 19.400 Euro. Zur Mittelschicht gehören damit Singles mit einem Monatseinkommen von 1130 bis 2420 Euro oder Familien mit zwei Kindern unter 18 und einem Budget von 2370 bis 5080 Euro.