Streit bei Siemens Chaostage in München

Das Erlanger Siemens-Werk: Konzernchef Löscher steht unter Druck

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Schwache Zahlen, Querelen im Vorstand, ein angeschlagener Chefaufseher: Siemens steckt in einer Krise. Jetzt schlägt der Chef des Gesamtbetriebsrats Alarm: "Wir brauchen eine neue Unternehmenskultur."

Von Karl-Heinz Büschemann und Caspar Busse, München

Die hohen Herren erscheinen verspätet. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude hatte auf sich warten lassen. Mit 20 Minuten Verzögerung marschieren sie auf den Wittelsbacherplatz, angeführt von Gerhard Cromme, 70. Der schüttelt jovial ein paar Hände, strahlt, als wäre nie etwas gewesen, als wäre er nicht erst im März bei Thyssen-Krupp unrühmlich als Aufsichtsratsvorsitzender abgelöst worden. Es ist der erste Auftritt des Siemens-Aufsichtsratschefs seit Langem. Beim Fünfer-Gruppenbild der Siemens-Führung mit dem Bürgermeister stellt sich der baumlange Cromme gleich mal in die Mitte, als wäre er der Held des Tages.

Konzernchef Peter Löscher, 55, steht schüchtern am Rand.

Feierlich wurde Anfang dieser Woche in München der Grundstein für eine neue Verwaltung gelegt. Es solle "eine Unternehmenszentrale der Zukunft" werden, sagte Löscher - mit viel Glas und Licht. 1200 Siemensianer sollen von 2016 an von hier aus die Geschicke des Industriekonzerns steuern. Manager und Stadtpolitiker strahlen an diesem sonnigen Vormittag. "Der Siemens-Campus wird eine Bereicherung für München", freut sich Bürgermeister Ude.

Die Gegenwart ist weniger strahlend. Bei Siemens wollen die Zahlen nicht glänzen. In der übernächsten Woche müssen Konzernchef Löscher und Finanzvorstand Joe Kaeser Farbe bekennen und mal wieder Pannen einräumen: Kaeser spricht bereits vieldeutig von "Blechschäden", die repariert werden müssten.

Es läuft nicht rund, im Gegenteil. Der Aufsichtsratsvorsitzende Cromme ist geschwächt. Im Vorstand herrschen Querelen und Machtkämpfe. Vorstandschef Löscher versucht nach sechs Jahren bei Siemens noch immer, sich als Chef zu profilieren. Die Münchner Siemens AG - 370 000 Mitarbeiter weltweit, 78 Milliarden Euro Umsatz, gemessen am Börsenwert der drittgrößte deutsche Industriekonzern - ist vor allem mit sich selbst beschäftigt.

Die Lage ist so verworren, dass Lothar Adler die Dinge mit wachsender Sorge sieht. Adler ist Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates und Mitglied des Aufsichtsrates. Ihm ist die Entwicklung des Konzerns nicht mehr geheuer: "Ich vermisse eine nachhaltige und zukunftsorientierte Unternehmenspolitik", sagt er. Siemens brauche "einen Kurswechsel, bei dem wieder der Mensch im Mittelpunkt steht", sagte Adler der Süddeutschen Zeitung.

So klare Worte sind bei Siemens selten. Adler treiben die Dinge um. Er attackiert Löschers Effizienz- und Sparprogramm "Siemens 2014", mit dem der Unternehmenschef Kosten und Arbeitsplätze reduzieren will. Das sei nur eine "kurzsichtige Portfolio-Politik, bei der allein die Marge im Mittelpunkt steht", moniert Adler. Die von Löscher eingeführte Umorganisation der Unternehmensbereiche führe zu einer Angstkultur im Unternehmen. Kaum eine der mittleren Führungskräfte traue sich noch wirklich, seine Meinung zu sagen und Probleme zu benennen. Adler ist alarmiert: "Wir brauchen eine neue Unternehmenskultur." Es brodelt bei Siemens.