Strategiewechsel bei RWE Energiekonzern baut keine Atomkraftwerke mehr

Der Energiekonzern RWE steigt zum zweiten Mal aus: Nach dem Abschied aus der deutschen Atomkraft verabschiedet er sich nun auch aus der internationalen Kernenergie. Der Konzern forciert einen deutlichen Strategiewechsel. Auch beim Rivalen Eon wachsen die Zweifel am alten Geschäft.

Von Markus Balser

Der Kreis war erlesen, der Ort mit Bedacht gewählt. Die Spitze des zweitgrößten deutschen Energiekonzerns RWE zog sich an diesem Wochenende geschlossen zu vertraulichen Beratungen nach Istanbul zurück - weit weg von der deutschen Öffentlichkeit. Denn was es zu besprechen galt, hatte es in sich und sollte hinter verschlossenen Türen diskutiert werden: Die neue Strategie des Essener Energie- und Atomkonzerns mit 70 000 Beschäftigten und mehr als 50 Milliarden Euro Umsatz.

Der von Juli an amtierende neue Chef Peter Terium, 48, machte seinen 200 wichtigsten Managern am Freitag und Samstag auf einem Führungstreffen nach Informationen der Süddeutschen Zeitung klar, dass er RWE umkrempeln will. Im feinen Swissotel hoch über dem Bosporus kündigte Terium nach Angaben aus Teilnehmerkreisen kaum weniger als die Energiewende seines Konzerns an. Nach einer Entscheidung des Vorstands wolle sich RWE auch international vom Neubau von Atomkraftwerken verabschieden, hieß es. Damit dürfte sich der Konzern über die nächsten Jahre endgültig aus dem Kernkraft-Geschäft zurückziehen. Viel stärker als bisher will sich RWE zudem im Solargeschäft engagieren - auch in Deutschland.

Investition in AKWs finanziell zu riskant

Mit RWE schwenkt damit einer der lange größten Verfechter der Atomkraft auf eine neue Linie ein. Der Konzern werde sich auch international nicht mehr am Bau von Atomkraftwerken beteiligen, hieß es. Die finanziellen Risiken derartiger Großprojekte seien schlicht zu groß. Massive Verzögerungen beim Bau neuer AKWs in Frankreich und Finnland hatten zuletzt gezeigt, wie riskant die Investitionen in die Technologie sind. Nach Angaben aus Konzernkreisen hatten deshalb auch internationale Ratingagenturen in den vergangenen Monaten klar zu verstehen gegeben, dass im Falle weiterer nuklearer Risiken eine Abstufung der Kreditwürdigkeit droht. Für Konzerne wie RWE, die unter einer großen Schuldenlast leiden, hätte das finanziell schwere Folgen.

Nach der politisch verordneten Energiewende war zudem auch in der Öffentlichkeit und der Politik seit Monaten der Druck auf Deutschlands Versorger gewachsen, ein zweites Mal auszusteigen - diesmal im Ausland. Erst vor einigen Wochen hatten Deutschlands größter Energieversorger Eon und RWE Pläne für den Neubau von Kraftwerken in Großbritannien begraben. Eine Grundsatzentscheidung hatte RWE damit jedoch nicht getroffen und sich die "Option Kernenergie" ausdrücklich offengehalten. "Wir engagieren uns in europäischen Neubauprojekten und nutzen dabei unsere Kompetenz und unser Netzwerk aus Forschung und Entwicklung", hieß es noch am Sonntag auf der Internetseite der RWE-Atomtochter.

Auch beim Rivalen Eon nehmen die Zweifel zu

Beim RWE-Rivalen Eon verfolgt man nach dem deutschen Ausstieg internationale Neubaupläne derweil weiter. So plant der Düsseldorfer Konzern im nordfinnischen Pyhäjoki an der Ostsee seit Ende 2011 den ersten Neubau eines Atomkraftwerks nach der Energiewende in Deutschland. Zuletzt nahmen aber auch bei Eon die Zweifel zu: "Es gibt im Aufsichtsrat Gegner des Projekts", sage etwa ein Mitglied des Kontrollgremiums der SZ. Im Heimatmarkt Deutschland müssen die verbliebenen deutschen Atomkonzerne Eon, RWE und EnBW 2022 den letzten Meiler herunterfahren. Im Ausland bleiben dann nur noch einzelne Kraftwerke - zu wenig, um technologisch mitzuhalten, heißt es aus dem einflussreichen Kontrollgremium von Eon.

Das jähe Aus für neue Atompläne im Ausland dürfte bei RWE allerdings erst der Anfang eines deutlich größeren Strategieschwenks sein: Der künftige RWE-Chef Terium zieht offenbar auch einen Schlussstrich unter die jahrelange ablehnende Haltung des Konzerns bei der Solarenergie in Deutschland.

Mit markigen Sprüchen hatte der noch amtierende RWE-Boss Jürgen Großmann in der Öffentlichkeit bis zuletzt Stimmung gegen den Einsatz der Solarenergie hierzulande gemacht: Solarstrom im regenreichen Deutschland zu produzieren sei ungefähr so sinnvoll "wie Ananaszüchten in Alaska", lästerte Großmann.

Neuorientierung hin zur Solarenergie

Nun kündigte Terium eine regelrechte Solar-Initiative an. Bei der Fotovoltaik durchlaufe der Konzern eine Phase der Neubewertung, hieß es. RWE wolle sich künftig auch bei Solarkraftwerken in Deutschland engagieren und sogar ins Geschäft mit Privatkunden einsteigen. Konkret soll es demnach um den Bau von Kraftwerken zusammen mit Stadtwerken sowie mehreren neuen Geschäftsfeldern für Privatkunden gehen, verlautete auf dem Spitzentreffen in Istanbul. Dieser Schwenk werde auch von den kommunalen Aktionären des Konzerns befürwortet, hieß es weiter.

Für RWE könnte der Einstieg durchaus lukrativ werden. Denn das deutsche Solargeschäft wächst rasant. Allein von Januar bis Ende April wurden dreimal mehr Fotovoltaik-Anlagen auf deutschen Dächern installiert als noch vor Jahresfrist. Terium hatte kürzlich bereits angekündigt, das Solargeschäft von RWE auszubauen - allerdings zunächst außerhalb Deutschlands. So will RWE 120 bis 150 Millionen Euro in ein kombiniertes Solar- und Windparkprojekt der Wüstenstrominitiative Desertec in Marokko investieren.