Spanische Krisenflüchtlinge in Deutschland "Wenn du dir sicher bist, dann geh"

Nirgendwo in der EU ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt so miserabel wie in Spanien. Der Mangel an Perspektiven vertreibt viele Spanier aus ihrem Land. Immer mehr landen in Deutschland, wie Mariola und Jordi. Eine Geschichte über ein junges Paar in einem neuen Leben - und über den "Merkel-Effekt".

Von Fabian Uebbing

Mariola Llorens und Jordi Orts sind geflohen. Ob nach Helsinki, London oder München war fast schon egal - einfach nur raus. Raus aus Spanien, einem Land, in dem mehr Menschen unter 25 Jahren arbeitslos sind als irgendwo sonst in Europa. Streng rechnerisch betrachtet gehören Mariola, 28 Jahre, und Jordi, 31, zwar nicht mehr zu dieser Gruppe - ihre Aussichten auf Arbeit in der Heimat sind trotzdem düster. Das Paar wollte der Wirtschaftskrise in der Heimat entkommen - und hat es geschafft: "Wir sind europäische Arbeitnehmer", sagt Jordi. Wenn es in Spanien keine Jobs für sie gebe, müssten sie eben anderswo in Europa nach Arbeit suchen.

Anderswo in Europa - das ist für das Ehepaar München geworden. Es ist tiefer Winter, als sich das Ehepaar Anfang 2011 für die deutsche Stadt entscheidet. Seit Herbst 2010 besucht Mariola einmal in der Woche einen Deutschkurs an der Escuela Oficial de Idiomas, einer spanischen Sprachschulen-Kette. Vorbeugend, sozusagen. Denn grundsätzlich kann sich das Ehepaar zum Leben und Arbeiten so ziemlich jeden Flecken in Europa vorstellen.

Im Februar 2011 reist dann Angela Merkel nach Madrid, offiziell zu deutsch-spanischen Regierungskonsultationen. Am Rande dieses Treffens platziert die Bundeskanzlerin eine Willkommens-Botschaft: Deutschland habe einen riesigen Bedarf an Fachkräften - für Ingenieure gäbe es Tausende offene Stellen.

Jetzt geht alles schnell: Als Mariolas Architekturfirma einige Monate lang kein Gehalt zahlt, kündigt die 28-Jährige ihre Stelle, weil keine Besserung in Sicht ist. Was sie vor hat, eröffnet sie ihren Eltern eines Tages beim gemeinsamen Mittagessen: "Mama, ich habe einen Flug nach München gebucht." Mutter Rosa reagiert gefasst auf die Ankündigung ihrer Tochter; das monatelange Deutsch-Studium ihrer Tochter war ihr nicht verborgen geblieben. Und auch Vater Ernesto rät ihr: "Wenn du dir sicher bist zu gehen, dann geh'." Beide verstehen, dass es für ihre Tochter derzeit in Spanien keine Zukunft gibt.

"Alicante ist das zweite Deutschland"

Lebensqualität und Gehälter scheinen in Skandinavien am höchsten zu sein, dazu gute Sozialleistungen - im Internet haben sich Mariola und Jordi über Helsinki informiert. London finden beide auch nicht schlecht, allerdings liegt die britische Arbeitslosenquote mittlerweile über der Marke von acht Prozent. Immer noch besser als die Lage in Spanien: Dort sind etwa 23 Prozent der Menschen ohne Job, die Jugendarbeitslosigkeit mit fast 50 Prozent mehr als doppelt so hoch. Nirgendwo sonst in Europa ist die Situation auf dem Arbeitsmarkt so dramatisch. Und fast nirgendwo sonst ist sie so gut wie in Deutschland - die Entscheidung ist gefallen.

Tatsächlich gehen wird zunächst nur Mariola, Jordi bleibt erst einmal in der gemeinsamen Heimatstadt Alcoy bei Alicante zurück. Das ist nicht die schlechteste Einstimmung auf eine spätere Ausreise: "Alicante ist das zweite Deutschland", sagt Mariola. Das stimmt zumindest teilweise. Bis zu 200.000 Bundesbürger leben in der Provinz Alicante, schätzt das zuständige deutsche Generalkonsulat in Barcelona. Das wäre etwa jeder zehnte Bewohner. Die genaue Zahl kennt indes auch die Auslandsvertretung nicht. Andererseits ist es eben doch eine Provinz in Spanien - und noch dazu eine, in der sich die Malaise des nationalen Arbeitsmarkts wie in einem Brennglas bündelt: Laut Eurostat stieg die Arbeitslosenquote in der Valencianischen Gemeinschaft, zu der Alicante gehört, bereits 2010 auf 23,3 Prozent - so hoch ist die Quote für ganz Spanien erst seit Ende 2011.

In der Provinz Alicante sind fast drei Viertel der Menschen im Dienstleistungssektor beschäftigt, etwa zehn Prozent arbeiten in der Bauwirtschaft, die praktisch brachliegt, nicht einmal 20 Prozent in der Industrie. Allein diese könnte dazu beitragen, dass Spaniens Wirtschaft wieder wächst. "Die Anpassung in Spanien verläuft sehr stark über die Reduktion der Binnennachfrage", sagt Stefan Schneider, Eurozonen-Experte bei Deutsche Bank Research. Provinzen wie Alicante, die ohnehin keine starke industrielle Basis haben, trifft die Krise somit noch härter als den Rest des Landes. Sie können nicht einfach mehr Waren ausführen.

Oder sie exportieren das, was sie eigentlich am wenigsten entbehren können und Ökonomen gerne mit dem Begriff Humankapital umschreiben: gut ausgebildete, junge Leute wie Mariola und Jordi. Rein wirtschaftliche Gründe habe ihre Flucht nach Deutschland gehabt, sagen beide. "Wir lieben die Sonne, wir lieben Spanien", sagt Jordi. Ohne die Krise hätten sie ihr Land niemals verlassen.

Deutsch-Boom in Spanien

Für viele junge Menschen liegt die Zukunft in Deutschland. Seit der Madrider Rede der Bundeskanzlerin sprechen sie auch vom Efecto Merkel. Um in Deutschland arbeiten zu können, lernen so viele Spanier Deutsch wie nie zuvor. "Wir erleben seit einem Jahr einen regelrechten Deutsch-Boom", sagt Manfred Ewel. Der Leiter der Sprachabteilung am Goethe-Institut in Madrid kann sich noch gut an den heißen Herbst des vergangenen Jahres erinnern. In der ersten Oktoberwoche war das in Spanien sehr verbreitete Lehrbuch Optimal vergriffen, der Langenscheidt-Verlag schickte mehrfach Notexemplare per Expresslieferung nach Spanien.