Soziale Ungleichheit "Es gibt eine Verinselung der Lebenswelten"

EIne Fußgängerzone in der Stuttgarter Innenstadt: Auch so kann Ungleichheit aussehen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Gefühlt wird alles immer ungleicher - mehr Umverteilung wollen die Menschen trotzdem nicht. Soziologe Patrick Sachweh weiß, warum.

Interview von Valentin Dornis

Ungleichheit ist immer eine Frage der Perspektive. Soziologe Patrick Sachweh erforscht an der Goethe-Universität in Frankfurt, wie unterschiedlich Chancen und Probleme in verschiedenen Bevölkerungsschichten wahrgenommen werden und wie der Staat eingreifen sollte.

SZ: Die Menschen in Deutschland fühlen eine große Ungleichheit, wünschen sich aber trotzdem nicht mehr Umverteilung. Wie passt das zusammen?

Patrick Sachweh: Ich glaube, dass die sozialpolitischen Reformen der vergangenen Jahre dazu beigetragen haben, dass Menschen aus unteren Schichten, aber auch aus der unteren Mitte ein ziemliches Misstrauen gegenüber dem Staat entwickelt haben. Sie haben erlebt, dass ihnen das, was der Staat an sozialpolitischen Reformen unternimmt, nicht hilft. So werden diese Maßnahmen eher als Gängelung erlebt.

Wozu führt das?

Viele Menschen haben das Gefühl, sie müssten immer mehr leisten, um ihren Lebensstandard auch nur halten zu können. An Verbesserungen denken sie gar nicht mehr. Gleichzeitig erscheint ihnen ein Abstieg aus den oberen sozialen Schichten sehr unwahrscheinlich. Man kann also von einer wahrgenommenen Verhärtung der gesellschaftlichen Schichten sprechen.

Welche Rolle soll der Staat denn dann übernehmen?

Der Staat soll natürlich soziale Notlagen ausgleichen, aber er soll auch gute Rahmenbedingungen schaffen und als "Ermöglicher" in Erscheinung treten. Nicht nur als Reparaturbetrieb, der erst hinterher bei Problemen eingreift. Das heißt aber nicht, dass keine Umverteilung notwendig ist. Auch diese Maßnahmen kosten schließlich Geld und müssen finanziert werden.

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Ein bisschen Hilfe ist also in Ordnung.

Was sich in unserer Forschung abzeichnet, ist eine große Zustimmung zu sozialpolitischen Instrumenten, die den Menschen eine eigenständige Lebensführung ermöglichen. In der man eben von der eigenen Leistung leben kann und nicht auf ergänzende staatliche Sozialleistungen angewiesen ist, die nur nach umfassenden Bedarfsprüfungen gewährt werden und die dann als weitere Gängelung erlebt werden.

Also soll die eigene Leistung mehr anerkannt werden.

Das Leistungsprinzip ist etwas, das in unserem Denken fest verankert ist und eine hohe Zustimmung durch alle Bevölkerungsschichten hinweg hat. Gerade auch in den unteren Schichten wird gefordert, dass Leistung anerkannt wird. Was allerdings als Leistung gilt und wer die Leistungsträger sind, das ist zwischen den einzelnen Schichten stark umstritten. Menschen aus der unteren Mitte sagen, Leistungsträger sind die Mitarbeiter, die am Band stehen oder hinter dem Verkaufstresen, und nicht die Manager.

Das führt ja zur alten Floskel "Leistung muss sich wieder lohnen"...

Wenn wir von dem reflexhaften Wiederholen dieses Spruchs in eine richtige Debatte eintreten wollen, dann müssen wir vor allem darüber diskutieren: Was sind eigentlich die gesellschaftlich als wertvoll angesehenen Leistungen? Wer sind diejenigen, die solche Leistungen erbringen, und wie sollte das honoriert werden?

Wird die Wahrnehmung von sozialer Ungleichheit in verschiedenen Schichten verzerrt, weil man sich nur noch in seinen eigenen Kreisen bewegt?

Die Ergebnisse meiner Forschung deuten darauf hin. Die Berührungspunkte, an denen verschiedene Schichten miteinander in Kontakt kommen, haben sich zunehmend verflüchtigt. Man trifft nicht mehr in der Kirche, im Verein oder im Kindergarten auf Menschen aus anderen Schichten. Es gibt eine Verinselung der Lebenswelten, in denen man sich bewegt und die dazu führen, dass man die Probleme, Sorgen und Nöte, aber auch die legitimen Interessen der jeweils anderen Gruppe gar nicht mehr kennt. Und so verfestigen sich dann auch bestimmte Vorstellungen davon, was denn eigentlich die zentralen Ungleichheits-Probleme sind und was die angemessenen politischen Reaktionen darauf sind.

Und was wäre "angemessen"?

Es kann nur über eine Kombination von Maßnahmen funktionieren. Die Parteien müssen sozialpolitische Konzepte und Ideen entwickeln, die sich von den etablierten Instrumenten unterscheiden und zu echten politischen Debatten führen. Am Ende ist das auch eine Frage der Vermittlung: Um Akzeptanz für sozialpolitische Maßnahmen zu schaffen, müssen sie den Leuten als eine gute Lösung für die sozialen Probleme einleuchten.

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