Share Economy Dann kauft doch

Philipp Glöcklers neue App hilft beim Geldausgeben den Überblick zu bewahren.

(Foto: Pia Ratzesberger)

Philipp Glöckler galt als einer der Vorreiter der Share Economy. Seine App zum Teilen aber musste er aufgeben, weil keiner mitmachte - jetzt will er Konsum kontrollieren statt radikal minimieren.

Von Pia Ratzesberger, Hamburg

Eigentlich wollte er das gar nicht. Philipp Glöckler sitzt im siebten Stock eines Hamburger Bürokomplexes, gleich um die Ecke des Rödingsmarktes. Hinter ihm die Dächer der Stadt, vor ihm ein Glas Wasser. Von der Initiative Viva con Agua - die setzt sich für einen weltweiten, freien Zugang zu Trinkwasser ein. Man denkt, ja, das passt zu einem Mann, der immer wieder als Vorreiter der Share Economy beschrieben wurde. Als einer, der dem Wachstumsdiktat des Kapitalismus neue Alternativen entgegenstellt. Als einer, der es anders machen will. Die Wirtschaftswoche wählte ihn vor drei Jahren einmal unter die "Top 50" der wichtigsten Köpfe der digitalen Wirtschaft und das Magazin Business Punk unter die 50 kreativsten Macher Deutschlands. Zu verdanken hat der 31-Jährige dieses Image vor allem zwei Ideen: Einem Onlineshop für ökologische Mode, den er vor etwa sechs Jahren gründete. Und der App "Why own it", die er im Jahr 2012 an den Start brachte und die den Deutschen dabei helfen sollte, weniger zu konsumieren und sich stattdessen das Vorhandene zu leihen.

Mit beidem hat Glöckler heute allerdings nichts mehr zu tun. Aus dem Onlinegeschäft für Öko-Kleidung ist er ausgestiegen, das führen heute andere. "Why own it" musste er aufgeben, weil doch keiner teilen wollte - zumindest nicht die eigenen Sachen. "Ist jetzt nicht so, dass mein Herz dranhängt", sagt Glöckler und trinkt noch einen Schluck. Als er die App über Wochen hinweg selbst kein einziges Mal mehr öffnete, wusste er, dass das nicht funktionieren kann.

Wie das Netz die Arbeit verändert

Das Zimmer vermieten, als Fahrer arbeiten, Selbstgestricktes verkaufen, digitale Minijobs übernehmen: Es gibt viele Möglichkeiten, mit Hilfe des Internets Geld zu verdienen. Doch was verlockend einfach klingt, birgt Gefahren. Von Sarah K. Schmidt und Sebastian Strube mehr ... Die Recherche - Report

Zu wenig Leute wollten Dinge aus ihrem eigenen Besitz hergeben. Zu wenig waren an den jeweils gleichen Wohnorten angemeldet, so dass sie sich nicht unkompliziert untereinander etwas hätten leihen können. "Wenn jemand eine Bohrmaschine wollte, dann hatten wir die theoretisch vielleicht schon im Programm. Aber eben nicht zu der Zeit, an dem Ort, an dem sie gerade gebraucht wurde". In einer Welt, in der sonst über das Netz ständig alles verfügbar ist, ist das ein Problem. Die Menschen wollen nicht warten, sondern ihr Produkt sofort. Trotz mehrerer Neuauflagen gingen die Nutzerzahlen der App schließlich immer weiter zurück. Anfang des Jahres verfasste Glöckler einen Blogeintrag mit dem Titel "we failed", "wir sind gescheitert" - und nahm die Anwendungssoftware aus dem App-Store.

Gründer nur, wenn sie eigene Probleme lösen

Vielleicht trifft ihn das Ende des Projekts auch deshalb nicht zu sehr, weil er eigentlich kein Gründer sein wollte. Glöckler hatte nie darum gebeten, für eine Bewegung von neuen, auf Nachhaltigkeit bedachten Start-ups zu stehen. In einem großen Konzern, international arbeiten, das stellte er sich vor, als er noch Wirtschaftsinformatik an der European Business School studierte. In sein heutiges Geschäftsfeld sei er eher so reingerutscht, erläutert der 31-Jährige. Er entwickle Dinge immer nur, wenn sie ein ihm eigenes Problem lösen. Wenn er fair produzierte Kleidung kaufen will und kein passendes Online-Geschäft findet. Wenn er sich eine DVD leihen, aber sie nicht kaufen möchte.

Sein neues Projekt deshalb: eine App, mit der man den Überblick über seine täglichen Ausgaben behält. "Just spent", heißt sie. Drei Euro für einen Cappuccino auf dem Weg zur Arbeit, zwei für die Schokolade in der Mittagspause. Die App merkt sich, wo der Nutzer wie viel Geld ausgibt und schlägt die Einträge automatisch vor, sobald derjenige das entsprechende Geschäft noch einmal betritt. 99 Cent kostet die digitale Buchführung im App Store, im Gegensatz zu "Why own it" verdiene sein kleines Team daran schon jetzt Geld - nach nur ein paar Wochen, sagt Glöckler. Gewinn gebe es natürlich noch keinen, aber die Aussichten darauf seien sehr viel besser als beim letzten Mal.

Der Finanzrebell aus dem Waldviertel

Ist eine Firma nur dann erfolgreich, wenn sie wächst und große Gewinne macht? Der Schuhfabrikant Heinrich Staudinger würde sagen: nein. Auch deswegen halten ihn einige für einen Querkopf. Von Silvia Liebrich mehr ... Porträt

Jetzt also Konsum kontrollieren statt Konsum minimieren, wie früher einmal: Vor zwei Jahren sagte der Gründer, er würde am liebsten nur noch das besitzen, was in zwei Koffer passe. Den Rest könne man schließlich leihen. Zu dieser Zeit sah seine Wohnung so aus, als wäre er gerade erst eingezogen, erzählt er. Der typische Minimalismus-Schick: Fünf Bücher, ein Laptop, ein Bett. Mit dem Konsum sei es manchmal ein wenig so wie mit dem Rauchen, man müsse sich ermahnen, es zu lassen, sagte Glöckler ein andermal. Heute trägt er eine Levis-Jeans, an den Füßen Air Max Turnschuhe von Nike.

Nachhaltigkeit sei zu einem leeren Begriff verkommen

An fair produzierte Produkte, die gleichzeitig qualitativ hochwertig seien, glaubt er nicht mehr. Nachhaltigkeit sei zu einem leeren Begriff geworden, mit dem sich viel zu viele Unternehmen schmückten - ohne dass tatsächlich etwas dahinterstehe. Transparenz und Kontrolle kosteten nun einmal, doch die wenigsten seien bereit zu zahlen. "Außerdem gibt es keine Handvoll guter Öko-Schuhe". Die Tür geht auf, ein Kollege läuft durch den Raum in Richtung Balkon und meint, ein wenig scherzhaft, ein wenig ernst: "Philipp, der ist doch so ein Luxustyp". Glöckler lacht.

Auch an der Ökonomie des Teilens, als dessen beispielhafter Vordenker er doch so oft dargestellt wurde, zweifelt er mittlerweile. "Ich glaube nicht, dass es so einfach funktioniert, Produkte zu teilen, sie gegenseitig zu leihen und zu vermieten, sagt Glöckler. Mit seinen drei Kollegen konzentriert er sich inzwischen überwiegend auf Aufträge von Unternehmen, für die seine Agentur Apps und Webseiten konzipiert sowie vermarktet. Klassische Dienstleistungen, die wiederum andere Projekte wie eigene Apps möglich machen. Von dem Erfolg letzterer ist Glöckler nicht abhängig. Klappt nicht mit dem Teilen? Dann eben nicht. Mit Neuem scheitern, das kann er sich leisten - dank des Altbewährten.