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Anders leben:Der Finanzrebell aus dem Waldviertel

Heinrich Staudinger sagt, er sei Kommunist und Christenmensch zugleich. Andere halten ihn für einen Querkopf.

(Foto: Sylvia Kislinger/GEA)

Ist eine Firma nur dann erfolgreich, wenn sie wächst und große Gewinne macht? Der Schuhfabrikant Heinrich Staudinger würde sagen: nein. Auch deswegen halten ihn einige für einen Querkopf.

Von Silvia Liebrich

Das Ungetüm muss weg. Daran gibt es für den Schuhunternehmer Heinrich Staudinger nichts zu rütteln. Er findet, es verschandelt das Stadtbild, vernichtet Arbeitsplätze und nimmt kleinen Händlern die Existenz. Mit dem Ungetüm meint er das Einkaufszentrum, das seit einigen Jahren mitten in Schrems steht. Ein seelenloser Glaspalast eben, wie es ihn in vielen Städten gibt. Doch der Mann mit dem wilden grauen Lockenkopf, den Freunde und Mitarbeiter einfach nur Heini nennen, will sich damit nicht abfinden. Der Kasten ist für ihn ein Symbol für sinnlosen Konsumwahn und den Niedergang einer ganzen Region. "Wir machen das Einkaufszentrum dicht und zahlen dem Betreiber eine Brachliege-Prämie. In zehn Jahren hätten wir den Klotz los", schlägt er vor.

Das sind harte Worte, ausgerechnet aus dem Mund eines Unternehmers. Staudinger ist Chef der Waldviertler Werkstätten, die für die gleichnamige Ökoschuhmarke bekannt sind, und zugleich einer der größten Arbeitgeber in der strukturschwachen Region. Er ist davon überzeugt: Ist das Einkaufszentrum erst einmal dicht, dann werde das Leben auf dem verödeten Hauptplatz der niederösterreichischen Kleinstadt mit knapp 6000 Einwohnern schon zurückkehren. Auch er will seinen Beitrag leisten und demnächst hier eine Art Reparatur-Akademie eröffnen. Kunden sollen hier lernen, wie sie kaputte Schuhe aller Marken selbst reparieren können.

Widerständler für die einen, Querulant für die anderen

Staudinger wäre nicht Staudinger, wenn er sich nicht in alles einmischen würde, was in seinem Umfeld passiert. So hat er sich einen Namen gemacht, als Freigeist und Unternehmer, der den Erfolg abseits der ausgetretenen Pfade sucht und gern den Widerständler gibt. In Österreich eilt ihm der Ruf eines Finanzrebellen voraus, seit er sich mit der Finanzmarktaufsicht angelegt hat. Die wollte ihm verbieten, Investitionen mit geliehenem Geld von Freunden und privaten Unterstützern zu finanzieren - ein Modell zur Kreditaufnahme ganz ohne Banken. Staudinger machte den Streit öffentlich und blieb hartnäckig. Österreich plant nun ein Gesetz für Crowdfunding, sogenannte Schwarmfinanzierung. Seitdem gilt Staudinger in der linken Szene als eine Art Held, der den mächtigen Banken die Stirn geboten hat. Kritiker halten ihn dagegen schlicht für einen Querulanten und Sozialträumer.

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Illustration: Stefan Dimitrov

Dass der 62-Jährige mit seiner Unternehmensphilosophie Erfolg hat, können ihm aber selbst seine Neider nicht absprechen. Und der Erfolg lässt sich für ihn nicht nur über Wachstumszahlen und Gewinne definieren. Die sind ihm nicht so wichtig, solange die Firma gesund ist und keine großen Verluste auflaufen. Staudinger gilt als einer der Vorreiter auf dem Gebiet der Gemeinwohlökonomie, die den Erfolg einer Firma auch an deren Nutzen für Mitarbeiter, Gesellschaft und Umwelt bemisst und nicht am Börsenwert oder Ausschüttungen für Aktionäre. Nach diesem Konzept hat er die Schuhfabrik im Waldviertel aufgebaut sowie 46 GEA-Schuhgeschäfte in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Fast 300 Beschäftigte arbeiten dort; sie erwirtschafteten zuletzt einen Umsatz von insgesamt knapp 30 Millionen Euro.

Auch die privaten Ersparnisse stecken in der Firma

Dass er seine Ideale auch lebt, kann jeder in Schrems sehen. Wenn er in verwaschener Fleecejacke und ausgebeulten Jeans durch die Stadt ins Gasthaus geht, grüßen sie ihn. Oft bleibt er stehen, zu bereden gibt es immer was, etwa das Projekt, mit dem nach und nach die Hausdächer in der Innenstadt mit Solaranlagen ausgestattet werden. Er selbst wohnt in der Schuhfabrik, nur ein paar Schritte entfernt vom alten Stadtkern und von dem "Schandfleck", den er am liebsten einreißen möchte.

Arbeiten und Leben sind für ihn eins. Sein Wohnzimmer ist vollgestellt mit Bücherregalen. Bündel von Papieren stapeln sich auf Stühlen, Tischen und überall dort, wo sich eine Lücke aufgetan hat. Zu den Mahlzeiten geht er meist nach nebenan in die Gemeinschaftsküche, wo sich die Belegschaft trifft, zum Essen, zu Geburtstagsfeiern oder nur zum Schwatzen. Staudinger sagt von sich, er sei Kommunist und Christenmensch zugleich. Dass das für so manchen nicht zusammenpasst, amüsiert ihn. Er findet es logisch, sein ganzes Geld in die Firma zu stecken, auch die privaten Ersparnisse. Bereut habe er das nie, sagt er. Im Gegenteil: "Ich habe mich gewundert, was das für eine befreiende Wirkung hat."

Mitarbeiter wohnen auf dem Werksgelände - wenn sie wollen

Wer sich als Mitarbeiter auf das System Staudinger einlässt, wird Teil einer Art Betriebsfamilie. In der Produktion, dazu gehört auch eine Möbelwerkstatt, wird in kleinen Gruppen gearbeitet, und die Positionen werden immer wieder getauscht, damit es für niemanden zu eintönig wird. Wer mag, kann auf dem Firmengelände wohnen, etwa in kleinen Wohngemeinschaften. Ein Angebot, von dem vor allem die Jüngeren gern Gebrauch machen. Stellen in der Gea-Produktion sind in der dünn besiedelten Region begehrt.

Viele hielten Staudinger schlicht für einen Spinner, als er 1991 die völlig marode Waldviertler Schuhwerkstatt für den symbolischen Wert von einem Schilling übernahm. Die kleine Fabrik war damals ein gescheitertes Sozialprojekt für Langzeitarbeitslose, das Mitte der Achtzigerjahre vom österreichischen Sozialminister Alfred Dallinger initiiert worden war. "Dallinger war im Herzen Kommunist, er hielt das Projekt für einen wichtigen Schritt 'zur Befreiung des Proletariats'", erzählt Staudinger. Ein "witziger Gedanke", wie er findet. Witzig ist ein Wort, das er gern und oft benutzt. "Das war naiv und hat natürlich überhaupt nicht funktioniert", stellt er fest. Den Niedergang der Schuhindustrie und die Zeichen der Globalisierung habe damals keiner sehen wollen.

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