"Schwarzbuch Leiharbeit" der IG Metall Alltag der modernen Arbeitssklaven

Sie müssen samstags arbeiten, haben keinen eigenen Spind und werden schlechter bezahlt als die Kollegen von der Stammbelegschaft - und geben ihre Rechte an der Garderobe ab: So schildern Leiharbeiter ihren Arbeitsalltag im "Schwarzbuch Leiharbeit" der IG Metall. Das 100-Seiten-Werk prangert eine ganze Branche an.

Von Thomas Öchsner

Sie bezeichnen sich selbst als "Leihgurken", "moderne Arbeitssklaven" - oder schlicht als "Stück Fleisch". Viele Leiharbeiter fühlen sich ihrer Würde beraubt, weil sie weniger verdienen als die Stammbelegschaft, für ihre Leistungen zu wenig Anerkennung bekommen und keine Perspektive auf eine Übernahme haben. Das geht zumindest aus den Schilderungen von etwa 1000 Betroffenen hervor, welche die IG Metall jetzt in ihrem neuen "Schwarzbuch Leiharbeit" zusammengefasst hat.

Das mehr als 100 Seiten starke Werk liest sich wie eine einzige Anklageschrift, in dem Leiharbeiter - anonymisiert mit Vornamen - über ihren Arbeitsalltag berichten. Peter, ein ausgebildeter Textilreiniger, sagt: "Teilweise arbeite ich 50 Stunden in der Woche und bekomme dennoch nur 35 Stunden bezahlt." Ein anderer berichtet, dass Kollegen von der Stammbelegschaft ab 20 Uhr Nachschichtzuschlag bekommen - er selbst aber erst ab 23 Uhr.

Die Missachtung beginnt im täglichen Umgang

Markus erzählt, er müsse jeden zweiten Samstag arbeiten. "Dadurch wird mir real der Jahresurlaub gekürzt. Ich kann nicht einfach sagen: 'Nein, der Samstag gehört meiner Familie. Dann werde ich rausgeschmissen.'" Der Elektroniker Piet findet, dass die Missachtung schon im täglichen Umgang beginnt: "Tatsächlich fühlt es sich so an, als hätte man seine Rechte an der Garderobe abgegeben. Wobei von Garderobe noch nicht einmal die Rede sein kann, da es in meinem Betrieb für uns Leiharbeiter nicht einmal einen Spind gibt."

Ein Hauptvorwurf zieht sich durchs ganze Buch: Leiharbeit, sagt IG-Metall-Vizechef Detlef Wetzel, diene längst nicht mehr nur dazu, Produktionsspitzen abzufedern. Sie sei vielmehr eine langfristig angelegte Strategie, um Personalkosten zu reduzieren. Als Paradebeispiel dient der Gewerkschaft dabei das BMW-Werk in Leipzig, in dem seit der Eröffnung 2005 etwa ein Drittel der 3800 Beschäftigten Leiharbeiter seien.

Und was sagen die Arbeitgeberverbände dazu? Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser wirft der IG Metall vor, ein Zerrbild der Branche zu zeichnen. Kein anderes Instrument sei in der Lage, so viele Erwerbslose so schnell wieder ins Arbeitsleben zu integrieren und den wechselnden Personalbedarf von Firmen bei einer schwankenden Konjunktur auszugleichen. "Wer Zeitarbeit begrenzt, gefährdet auch Stammarbeitsplätze", sagt Kannegiesser.