Spanien Schweinereien mit Ibérico

Um den berühmten Ibérico-Schinken ist ein Streit aufgeflammt, der die Politik erreicht hat.

(Foto: Getty Images)

Bei der Masse der teuren "Ibérico"-Schinken handelt es sich in Wirklichkeit um Kreuzungen mit der vulgären und viel billigeren Duroc-Rasse. Das ist profitabel - und legal.

Von Thomas Urban, Zafra

Einem wütenden Duroc möchte man nicht begegnen. Der ausgewachsene Eber kommt auf 350 Kilogramm Kampfgewicht, eine Walze, die alles plattmacht. Da sind die dunkelbraunen Ibérico-Schweine viel angenehmere Zeitgenossen, klein, flink und eher scheu; wen sie nicht kennen, vor dem rennen sie davon. Sie wiegen nicht einmal die Hälfte vom Duroc. Und sie liefern den berühmten Ibérico-Schinken, die edle Marke aus Spanien.

Um den ist nun ein Streit aufgeflammt, der die Politik erreicht hat. Er lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Bei der Masse der teuren Schinken, die mit dem geschützten Namen "Ibérico" weltweit verkauft werden, handelt es sich in Wirklichkeit um Kreuzungen mit dem vulgären und viel billigeren Duroc-Schwein. Es geht um Millionen - und deshalb möchte längst nicht jeder der Experten seinen Namen gedruckt in der Zeitung sehen.

Zwischen den Dörfern um die Kleinstadt Zafra im Süden der Region Extremadura lässt sich das Problem in Augenschein nehmen: Das ursprünglich aus Nordamerika importierte Duroc-Schwein ist runder und kräftiger, sein Fell ist rotbraun; das deutlich kleinere Ibérico-Schwein ist schlanker, sein Fell dunkelbraun. Beide haben schwarze Klauen, auf Spanisch "pata negra". Mehr sagt der Begriff nicht aus, im Ausland wird er aber meist als Qualitätsmarke verstanden. Ein Großteil der Ibérico-Sauen wird mit Duroc-Samen künstlich befruchtet, denn dabei bleiben die als Erkennungsmerkmal so wichtigen schwarzen Klauen erhalten. Die Schinken werden aber mit dem Etikett "Ibérico" verkauft.

Es ist kein Geheimnis, sondern sogar ganz legal. Zafra ist der Sitz der Spanischen Vereinigung der Ibérico-Züchter (Aeceriber). Hier wird für alle Muttertiere ein Stammbuch geführt, es hält fest, welche Tiere reinrassig und welche Kreuzungen sind. Dies verlangt die Europäische Union, jedes Schwein bekommt eine Nummer und überdies ein Plastikbändchen mit Strichcode ans Ohr geknipst.

Die Gegend von Zafra bis zum Nordwesten Andalusiens ist die Heimat des Ibéricos, sie wird deshalb auch die "spanische Schweineecke" genannt. Es ernährt sich in lauschigen Hainen vor allem von Eicheln und Kräutern, die dem Schinken seinen einzigartigen würzigen Geschmack geben. Mit diesem idyllischen Bild wirbt der Handel, ein überaus erfolgreiches Konzept. Denn die überwältigende Mehrheit der Kunden glaubt, den Duft grüner Eicheln und Kräuter zu riechen, wenn sie ihren Schinken anschneiden.

Vom Duroc wissen die meisten Verbraucher nichts, und auch nicht, dass deutlich mehr als 80 Prozent der Schinken aus Massentierhaltung mit fettreichem Kraftfutter und Antibiotika stammen. "Ibérico ist zum Massenprodukt von Fleischfabriken geworden", so ist es zu hören an der traditionsreichen Fakultät für Tierzucht der Universität Córdoba, wo genetische Tests zur Rassenbestimmung vorgenommen werden.

Die "Verwässerung der Marke" halten Kritiker für einen "legalen Konsumentenbetrug"

Neben einigen Hochschullehrern gehören zur bunt zusammengewürfelten Schar der Verteidiger des wahren Ibérico auch Umweltaktivisten, Verbraucherschützer, Naturheilkundler, Politiker, die gegen Korruption kämpfen, Traditionalisten, die exzellentes Essen als Kulturgut sehen, Gourmets, die die Herkunft und Qualität des Schinkens mit Zunge und Gaumen treffsicher erkennen. "Es ist nicht nur eine Freude für Feinschmecker, sondern auch eine großartige Tradition in einem einzigartigen Ökosystem, die auf die Römerzeit zurückgeht", klärt eine Fachzeitschrift auf.

Schweine wühlen mit ihren schwarzen Klauen ("pata negra") im saftigen Grün des Naturparks Sierra de Aracena Natural Park bei Huelva in Andalusien.

(Foto: imago/Nature Picture Library)

Bei der Kreuzung mit Duroc schmecke der Schinken nicht, wie gefordert, herzhaft-würzig-nussig-ölig, sondern "süßlich und verschwommen". Es sei so, als ob man einen edlen Wein mit einem ordinären Tropfen verlängere und zusätzlich noch Zucker dazurühre. Die Verteidiger der Tradition werfen dem Landwirtschaftsministerium in Madrid vor, unter Einfluss großer Fleischkonzerne zu stehen, die mit irreführender Etikettierung und Betrügereien bei der Schweinezucht ihre Gewinne maximieren wollen.