Rekord zum Verkaufsstart Die Wahrheit hinter Apples iPhone-Zahlen

Das neue iPhone bricht alle Rekorde. Das legen zumindest die Zahlen vom ersten Verkaufswochenende des Smartphones nahe. Auf den zweiten Blick sind diese aber längst nicht so überragend, wie Apple vermitteln möchte.

Von Rolfe Winkler, Wall Street Journal Deutschland

Apple hat am Montag "Rekordzahlen" für das erste Verkaufswochenende der neuen iPhones veröffentlicht. Bei genauerem Hinsehen liefern diese aber nicht zwingend Grund für Euphorie. Laut dem US-Unternehmen wurden in den ersten drei Verkaufstagen mehr als neun Millionen Geräte des neuen iPhone 5S und der günstigeren Variante 5C abgesetzt. Das sind deutlich mehr als bei den letzten Produkteinführungen: Beim iPhone 5 verkaufte Apple zum Start "mehr als 5 Millionen" Smartphones, beim iPhone 4S "mehr als 4 Millionen" und beim iPhone 4 insgesamt 1,7 Millionen Exemplare.

In diesem Jahr schnellte die Zahl also nach oben. Das veranlasste Apple auch dazu, seine Ergebnisprognosen für das laufende Quartal anzuheben. Umsatz und Gewinnmarge bewegten sich "nah am oberen Ende" der zuvor ausgegebenen Spanne, erklärte das Unternehmen.

Die Apple-Aktie stieg daraufhin deutlich und nähert sich wieder der 500-Dollar-Marke. Anleger sollten sich allerdings davor hüten, von den starken Verkaufszahlen am ersten Wochenende auf das künftige Wachstum zu schließen. Zunächst einmal berücksichtigen die Daten erstmals gleich zwei "neue" iPhone-Modelle. Bei der Premiere des iPhone 5 im vergangenen Jahr wurden Kunden, die sich für das iPhone 4S entschieden, das im gleichen Jahr herausgekommen war, nicht mitgezählt. Und das, obwohl es mit dem gleichen Preisabschlag verkauft wurde wie das 5C, das in diesem Jahr in die Zählung einfließt.

Anstieg vor allem in China

Wie in den vergangenen Jahren hat Apple die Kundenbasis, der die neuen Geräte angeboten werden, zudem erneut erweitert. Beim Debüt des 4S vor zwei Jahren waren die neuen iPhones erstmals auch in Australien und Kanada gleich vom ersten Tag an zu haben. Außerdem bot Apple seine Geräte in den USA erstmals den Kunden von zwei Mobilfunkbetreibern an, nämlich Sprint und Verizon. Im vergangenen Jahr nahm der Konzern Hongkong und Singapur in die Liste der Länder auf, in denen die Kunden in den Genuss kamen, das iPhone 5 gleich zum Debüt kaufen zu können.

In diesem Jahr vertreibt Japans größter Mobilfunkbetreiber NTT Docomo das iPhone erstmals. Vor allem aber hat Apple die Nachfrage für Telefone vorgezogen, die zuvor erst nach einiger Zeit spürbar wurde. So kamen die neuen Geräte erstmals auch in China ohne Verzug auf den Markt. Im vergangenen Jahr hatte Apple am ersten Verkaufswochenende in China mehr als zwei Millionen iPhone 5 losgeschlagen - das aber erst drei Monate nach dem offiziellen Debüt.

Die Umsätze in China könnten insofern für mindestens die Hälfte des Anstiegs am Eröffnungswochenende stehen. Das bedeutet, dass die Wachstumskurs der iPhone-Verkäufe womöglich doch nicht so stark sind, wie es die ersten Zahlen vermuten lassen. Zusammengenommen dürften China, NTT Docomo und die Zählung des 5C den Geräteabsatz um rund drei Millionen Stück angetrieben haben. Klammert man diese drei Faktoren aus, dürften am ersten Wochenende eher sechs Millionen neue iPhones verkauft worden sein, was einem Anstieg um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspräche.

Das ist zwar eine gesunde Wachstumsrate, aber erheblich weniger als die 80 Prozent, um die der Absatz von Geräten auf Basis von Googles Android-Betriebssystem laut Strategy Analytics in den vergangenen zwölf Monaten zugenommen hat. Apple dürfte noch einen kräftigen Schub bekommen, wenn China Mobile, der größte Mobilfunkbetreiber des Landes, das iPhone in sein Programm aufnimmt. Nachdem sich beide Konzerne über die Details geeinigt haben, dürfte das bald der Fall sein.

Anschließend wird Apple allerdings mehr tun müssen, als den Kreis potenzieller Kunden für seine Geräte stetig auszuweiten. Als Hindernis könnten sich dabei die hohen Preise erweisen. Selbst das günstigere iPhone 5C ist für die meisten Smartphone-Käufer weltweit unerschwinglich.

Mittelfristig läuft Apple Gefahr, dass sich das Umsatzwachstum verlangsamt, wenn es keine neuen Märkte mehr zu erschließen gibt. Das wiederum könnte App-Entwickler dazu veranlassen, ihre Energie stärker auf Android zu richten. Und wenn Android-Geräte irgendwann mehr und bessere Apps bieten sollten, könnten auch einige der treuen Apple-Kunden überlaufen.

Erfolg von iOS 7

Trösten können sich Apple-Anleger vorerst damit, dass iPhone-Nutzer offenbar nach wie vor begeistert vom "Ökosystem" des Konzerns sind. Das legen zumindest die Zahlen der Downloads der neuen Version des mobilen Betriebssystems iOS nahe. Laut Apple haben in den ersten fünf Tagen mehr als 200 Millionen Menschen ihre iPhones und iPads auf iOS 7 umgestellt.

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Zum Vergleich: Bei der Einführung der Vorgängerversion iOS 6 waren es lediglich gut 100 Millionen Upgrades, ein Jahr zuvor bei iOS 5 sogar nur 25 Millionen. Die Schlussfolgerung daraus kann nur lauten, dass sich Apple darauf verlassen kann, dass ein Großteil seiner Nutzer so schnell nicht das Weite suchen wird.

Nur steigt deren Zahl eben nicht so schnell, wie es die Anleger erwarten und die Zahlen vom ersten Verkaufswochenende des neuen iPhones nahelegen.

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