Pro Sieben Sat 1 Pro Sieben will zurück in den Dax

Joko Winterscheidt (rechts) und Klaas Heufer-Umlauf sind zwei beliebte Moderatoren. Doch bei ihrem Sender läuft derzeit nicht alles gut.

(Foto: Arne Weychardt)

Beim Fernsehunternehmen herrscht Chaos. Aufsichtsratschef Werner Brandt steht für sein Krisenmanagement in der Kritik - macht den Aktionären aber Hoffnung.

Von Caspar Busse

Normalerweise dreht sich hier alles um Action und gute Geschichten: In den Münchner Eisbach-Studios werden Kinofilme oder Fernsehserien produziert, oder es werden Fotoshootings gemacht, um zum Beispiel Autos in Szene zu setzen. An diesem Mittwoch aber geht es hier, in einem Industriegebiet im Osten Münchens, um Pro Sieben Sat 1. In den Hallen treffen sich die Aktionäre des Fernsehunternehmens - und werden viel zu diskutieren haben: Kursabsturz, Rauswurf aus dem Dax, ein umstrittener Chefabgang und viel Zweifel an der Strategie.

Im Mittelpunkt steht Werner Brandt, 64. Er wird als Aufsichtsratvorsitzender nicht nur die Versammlung leiten. An seinem Krisenmanagement in den vergangenen Monaten gibt es auch viel Kritik, er sei zu zögerlich gewesen, habe den früheren Vorstandschef Thomas Ebeling, 59, viel zu lange gewähren lassen und sei am Ende mitverantwortlich für das Chaos, sagen manche. Zweifel gibt es auch, ob der von Brandt berufene Nachfolger Max Conze, der zuvor für den britischen Staubsaugerproduzenten Dyson gearbeitet hat und über keinerlei Erfahrung im Fernsehgeschäft verfügt, wirklich eine gute Wahl ist.

"Es gehörte Mut dazu, jemanden von außerhalb der Medienbranche zu holen, aber den Mut hatten wir", sagte Brandt der Süddeutschen Zeitung. Auch Ebeling, eine ehemaliger Pharmamann, sei ja nicht aus dem Fernsehgeschäft gekommen, es brauche eben Impulse von außen. Und: "Wir können einen Generalisten reinholen, weil wir einen guten und funktionierenden Vorstand haben." Freilich hatten sich einige der Vorstände selbst Hoffnung auf den Spitzenjob gemacht, Conrad Albers führt das Unternehmen derzeit interimistisch. Conze, der sich den Aktionären am Mittwoch vorstellen will, soll erst am 1. Juni anfangen.

Brandt empfängt einige Tage vor der Hauptversammlung in einem schlichten Konferenzraum in der Pro-Sieben-Sat 1-Zentrale in Unterföhring, er redet konzentriert und mit leiser Stimme. Der Betriebswirt, eine ehemaliger Wirtschaftsprüfer und Bilanzexperte, passt so gar nicht zur glitzernden Fernseh- und Internetwelt. 13 Jahre lang war der Mann aus der Ruhrgebietsstadt Herne Finanzvorstand beim Softwarekonzern SAP, seit 2014 ist er Unternehmensberater mit Büro in Frankfurt. Brandt, der privat am liebsten Krimis und Spielfilme schaut, ist einer der meistbeschäftigten Aufsichtsräte in Deutschland: Er ist Chefaufseher beim Energieunternehmen RWE und bei Pro Sieben Sat 1, er leitet seit kurzem im Siemens-Aufsichtsrat den Prüfungsausschuss. Und er war auch schon mal Aufseher bei Lufthansa, Innogy, Qiagen oder Heideldruck.

Doch der Job bei Pro Sieben Sat 1 - vier Milliarden Euro Umsatz, 6500 Mitarbeiter und Millionen von Zuschauern - ist einer schwierigsten. Brandt kam 2014, bis Mitte 2016 lief alles gut. Doch dann kippte der Werbemarkt, die großen Sender Pro Sieben und Sat 1 liefen nicht mehr so gut - und Vorstandschef Ebeling redete plötzlich von Rückzug. Brandt kritisiert ihn dafür: "Dass Thomas Ebeling schon 2016 in einem Interview von seinem Abschied sprach, war nicht sehr klug und hat uns alle überrascht." Im März 2017 habe die Suche nach einem Nachfolger begonnen, doch es war nicht einfach. "Wir haben dabei in alle Richtungen geschaut. Thomas Ebeling war in diesen Prozess nicht direkt involviert", betont Brandt. Ebeling hatte dagegen zuletzt den Eindruck erweckt, er sei an der Auswahl Conzes beteiligt gewesen.

Geärgert hat sich Brandt auch, als Ebeling im vergangenen November in einer Analystenkonferenz über die Fernsehzuschauer sagte: "Es gibt Menschen, ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm, die immer noch gerne auf dem Sofa sitzen, sich zurücklehnen und gerne unterhalten werden wollen." Die Aufregung, nicht nur bei der Werbeindustrie, die viel Geld für Fernsehspots zahlt, war groß. Wenige Tage später verkündete Ebeling dann seinen Abschied. "Die Äußerungen von Thomas Ebeling über unsere Zuschauer fand ich sehr unglücklich", sagt Brandt heute. Der Konzernchef erhielt trotzdem eine hohe Abfindung von 7,1 Millionen Euro. Dazu sagt Brandt: "Die Zahlung zum Abschied von Thomas Ebeling ist vertragskonform ermittelt und ausbezahlt worden. Da gab es keinen Spielraum." Anfang März war das Unternehmen dann aus dem Dax geflogen, ein herber Rückschlag. Brandt will das rückgängig machen. "Eine klare Stärkung der Marktkapitalisierung von Pro Sieben Sat 1 ist unser Ziel, was langfristig einen Wiedereinstieg in den Dax ermöglichen sollte", sagt er.

Der Abschied Ebelings Ende Februar war ausgesprochen kühl ausgefallen. Er gehe "mit Freude", sagte er, versöhnliche Worte zum Abschied fand er nicht. Das Verhältnis zwischen dem machtbewussten Konzernchef und dem Rest des Unternehmens war zerrüttet. 2009 war Ebeling gekommen, hatte die Firma aus der Krise geführt und expandierte ins Internetgeschäft. Als Brandt Johannes Huth vom Finanzinvestor KKR vor vier Jahren als Chefaufseher ersetzte, wurde Ebeling immer selbstbewusster, mehrfach musste er dann seine Prognosen korrigieren, die Zweifel an der Strategie wurden lauter, bis heute. Erst in der vergangenen Woche ging die Pro-Sieben-Sat 1-Aktie wieder deutlich nach unten, die Quartalszahlen wurden einmal mehr als enttäuschend bewertet. Die Internetaktivitäten hat Ebeling noch kurz vor seinem Abgang in eine neue Gesellschaft ausgelagert, an der sich der Finanzinvestor General Atlantic beteiligte.

"Fernsehen wird immer das Kerngeschäft von Pro Sieben Sat 1 bleiben", sagt Chefaufseher Brandt jetzt. Die starke Ausrichtung auf amerikanische Inhalte sei angepasst worden, da einige Formate nicht mehr gut beim Zuschauer angekommen seien. Dazu kommt die Konkurrenz von Streamingdiensten wie Netflix. "Wir setzen wieder mehr auf lokale Programme und werden hier unsere Investitionen erhöhen. Eine wieder stärkere Ausrichtung auch auf Nachrichten wird intern diskutiert", so Brandt. Auch das wäre ein Richtungswechsel: Ebeling hatte den Nachrichtensender N 24 einst verkauft und stattdessen auf amerikanischen Filme und Serien gesetzt. Auch die Programmbudgets wurden in seiner Amtszeit gekürzt.

Die Lust an dem Job hat Brandt jedenfalls noch nicht verloren. "Ich habe weiterhin vor, mich im kommenden Jahr zur Wiederwahl zu stellen", betont er. Nicht alle dürften sich darüber freuen.