Peter Hartz im Interview "Wir müssen aus dieser Gleichgültigkeit raus"

"Wir haben nie Langzeitarbeitslose schaffen wollen": Der frühere VW-Manager Peter Hartz hadert mit der Reform, die seinen Namen berühmt gemacht hat (Archivbild aus dem Jahr 2009)

Vor allem die Langzeitarbeitslosen seien zu kurz gekommen: Peter Hartz blickt mit gemischten Gefühlen auf die Arbeitsmarktreformen zurück, die seinen Namen tragen. "Hätte ich Leutheusser-Schnarrenberger geheißen, wäre mir das erspart geblieben."

Der frühere VW-Personalvorstand und Arbeitsmarktreformer Peter Hartz ist überzeugt, dass bei den Reformen der Agenda 2010 die Langzeitarbeitslosen zu kurz gekommen sind. "Wir haben nie den Langzeitarbeitslosen schaffen wollen. Der Ansatz war ja, es ist zumutbar für die Leute, vorübergehend mit dem Geld auszukommen, wenn sie eine Perspektive haben. Das Arbeitslosengeld II war immer nur vorübergehend gedacht. Es ist doch keine Perspektive, wenn das Arbeitslosengeld II für ein ganzes Leben ausreichen soll", sagte er der Süddeutschen Zeitung.

Hartz bezeichnete es als "Ironie der Geschichte", dass sein Name und damit der Begriff Hartz IV im allgemeinen Sprachgebrauch für das Arbeitslosengeld II herhalten müsse. "Die von mir geleitete Kommission hat damals einstimmig die durchschnittliche Arbeitslosenhilfe, das waren 511 Euro, vorgeschlagen. Die Idee war ja, über die Personalserviceagenturen schnell Beschäftigung sicherzustellen", sagte er. Dies sei Teil eines Gesamtkonzepts des Förderns und Forderns gewesen, den die damalige Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) aber nur zum Teil umgesetzt habe. Der Satz, dass nicht überall, wo Hartz draufstehe, auch Hartz drin ist, stimme nach wie vor.

Der 72-jährige Ex-Manager wies darauf hin, dass der Name der von ihm geleiteten "Regierungskommission für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" in keine Überschrift gepasst hätte. "Daraus wurde dann die Hartz-Kommission und Hartz I bis IV. Hätte ich Leutheusser-Schnarrenberger geheißen, wäre mir das erspart geblieben. Ich bin zu dieser Kommission gekommen, weil Herr Schröder mich dazu gebeten hat. Ich hätte nie gedacht, dass das so eine öffentliche Wirkung hat."

"Der Fehler war wohl, dass die Kommission einen zu langen Namen hatte"

Auf die Frage, ob er glaube, dass das Wort Hartz IV irgendwann noch mal aus dem Sprachgebrauch verschwinde, antwortete er: "Ich weiß es nicht. Ich habe mich in den letzten Jahren extrem zurückgehalten, aber das hat auch nichts genützt. Der Fehler war wohl, dass die Kommission einen zu langen Namen hatte." Sie habe aber auf jeden Fall dazu beigetragen, dass es in Deutschland jetzt so wenige Arbeitslose wie selten gebe. Die ganzen Reformen hätten jedoch nur helfen können, "weil auch die Konjunktur gut lief".

Hartz zeigte sich überzeugt, dass das Problem der dramatisch hohen Jugendarbeitslosigkeit in Europa zu lösen ist. "Wir müssen aus dieser Gleichgültigkeit raus. Wenn 400 Millionen Europäer sagen: Unsere 5,7 Millionen jungen Leute, die arbeitslos sind, sind das Allerwichtigste, dann können wir das Problem lösen." Es gehe zum Beispiel darum, die besten Modelle im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit in Europa zusammenzutragen und auf andere Länder zu übertragen. Er kündigte an, in den kommenden Tagen mit zehn Wissenschaftlern das Buch "Wege aus der Arbeitslosigkeit" veröffentlichen zu wollen. Darin legen die Fachleute verschiedene Vorschläge im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit vor.

In seiner saarländischen Heimat lässt Hartz derzeit das von ihm kreierte Modell der Minipreneure testen. Nach seinen Angaben geht es dabei darum, die Talente und Fähigkeiten von Arbeitslosen zu entdecken und fördern. "Bei den Minipreneuren werden mit neuen Methoden geeignete Tätigkeitsfelder identifiziert, zum Beispiel 131 neue Dienstleistungen in sieben Job-Familien", sagte der frühere Regierungsberater. Er wolle sich weiter im Alter nützlich machen. "Wer noch etwas beitragen kann, sollte das tun, solange man Jüngeren keinen Job wegnimmt und zu einem Mehrwert beiträgt", sagte Hartz.

Das vollständige Interview lesen Sie in der Freitagsausgabe der Süddeutschen Zeitung und in der SZ-Digital-App auf iPhone, iPad, Android und Windows 8.