Niedergang der Lebensmittelfirma Schneekoppe Wenn der Berg verstummt

Die eingängige Werbung machte Schneekoppe zur Kultmarke. Dann wechselten die Eigner, der Müslihändler verkümmerte zu einem Scheinriesen: großer Name ohne eigene Produktion mit schwachem Vertrieb. Nun droht dem Konzern die Pleite.

Von Kristina Läsker, Hamburg

"Schneeeeeeekoppe" - es hallte wie ein Echo vom Berg und bald konnte das ganze Land den Ruf nachsingen. In den Siebzigerjahren sorgte die einprägsame Werbung des Lebensmittelhändlers Schneekoppe dafür, dass mehr als 90 Prozent der Deutschen die Marke kannten und sie mit gesunder Ernährung verbanden. Schneekoppe galt damals als sehr innovativ: Die Marke war hip, lange bevor Bio-Produkte zum Trend wurden.

Zuletzt aber war es stiller geworden um die Firma mit dem verschneiten Gipfel im Logo. Bald könnte der Ruf verstummen: Denn Schneekoppe droht die Pleite, und es bleibt nur wenig Zeit für eine Rettung.

Der Betrieb aus Buchholz vertreibt Müsli, Fruchtsäfte, Produkte zum Abnehmen für Apotheken (Marke: Vitasan) sowie Spezialnahrung ohne Laktose oder Gluten. Doch seit vielen Jahren macht die Firma hohe Verluste, zuletzt hatte sich die Liquidität drastisch verschlechtert. Am vergangenen Freitag schließlich hatte die Schneekoppe Lifestyle GmbH beim Amtsgericht im niedersächsischen Tostedt eine "Insolvenz in Eigenregie" beantragt.

Die Richter erlaubten diesen erbetenen Sonderweg: Jetzt darf Schneekoppe unter einen Schutzschirm schlüpfen und sich dem Zugriff der Gläubiger entziehen. Das Verfahren - es ähnelt einer Chapter-11-Insolvenz in den USA - soll Firmen in wirtschaftlicher Schieflage helfen, wenn sie fast zahlungsunfähig sind, aber positive Aussichten auf Rettung haben.

Schon 2009 hätte man misstrauisch werden können

Was Marken-Liebhaber freuen könnte, erschreckt Investoren. Etliche Kleinanleger haben ihr Erspartes in die Traditionsfirma gesteckt. Im September 2010 hatte Schneekoppe eine Anleihe mit einer Laufzeit von fünf Jahren herausgegeben und versprach 6,45 Prozent Zinsen pro Jahr. Die Anleihe ging weg wie geschnitten Brot: Binnen 17 Tagen spülte der Bond zehn Millionen Euro in die Kasse. Jetzt heißt es bangen: Wegen des Schutzschirm-Verfahrens muss Schneekoppe den Gläubigern in diesem Jahr überhaupt keine Zinsen zahlen. Das Unternahmen spart so 645 000 Euro.

Dabei hätte ein Blick in die Bilanz 2009 genügt, um misstrauisch zu werden. Bereits damals machte Schneekoppe ein Minus von 111 000 Euro. Da setzte die Firma noch knapp 28 Millionen Euro um. Heute hat sich der Jahresumsatz fast halbiert auf 15,1 Millionen Euro, der Verlust lag zuletzt bei 1,6 Millionen Euro. Mangelnde Transparenz kann man dem Betrieb aber kaum vorwerfen: Auf 14 Seiten waren im Anlegerprospekt die Risiken haarklein beschrieben worden. Warum haben die Anleger bloß zugegriffen? "Ich vermute, dass sie sich durch den guten Namen haben blenden lassen", sagt ein Gläubiger-Vertreter.

Denn die Geschichte rund um Schneekoppe und deren Anfänge ist zu schön, und so mag die Mischung aus Tradition und Naturkost so manchen dazu bewogen haben, die Anleihe blind zu zeichnen.

Gegründet wurde der Betrieb 1927 von Fritz Klein aus Breslau in der Nähe des Riesengebirges. Anfangs war es ein Versandhandel für Leinsamen und Leinöl. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Breslau polnisch, und Fritz Klein wurde wie viele Deutsche vertrieben. Er floh nach Bremen und begann, Reformwaren aus seiner Heimat Schlesien zu verkaufen. 1953 meldete er die Marke Schneekoppe an. Namensgeber war der höchste Berg des Riesengebirges, die 1603 Meter hohe Schneekoppe. Die ersten Produkte waren Nahrung für Diabetiker und neue Müslisorten.